Ludwigshafen

Sarkastisch-herb, aber mit Wiener Mutterwitz

Ein wenig geht es in Fabian Bursteins neuem Roman zu, als ob die verkopftere Wiener Schwester der Titelheldin aus dem US-Kultfilm „Juno“ (2008) auf eine Abenteuerfahrt wie in Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ geht. Charlotte hat allerdings andere Sorgen als eine Teenager-Schwangerschaft wie Juno. Zunächst sitzt sie in „Wie viel wiegt die Liebe“ fassungslos auf dem Rücksitz der neuen Familienkutsche ihrer Mutter, die das Scheidungskind ohne große Vorwarnung aus der österreichischen Metropole in die Quadratestadt verschleppt - der Liebe wegen.

Lottes Begeisterung hält sich in Grenzen: „Der Van ist Teil unseres neuen Lebens, das mir 720 Kilometer am Arsch vorbeigeht - das ist nämlich die Entfernung zwischen meiner Heimat Wien und Mannheim, dem Ort, wo wir wegen Arno hinziehen.“

An ihrer neuen Heimat lässt sie erst mal kaum ein gutes Haar. Ihre sarkastisch-herben Aussagen darf man Burstein nicht verübeln. Als ehemaliger Leiter des Jugendkulturzentrums Forum in der Neckarstadt weiß das kulturelle Multitalent aus Wien nicht nur genau, wovon er redet. Sondern auch, dass man in Mannheim zweimal weint: beim Ankommen, beim Verlassen. Deshalb ist der 36-jährige Autor, Filmemacher und Musiker nach seinem wegen unerfüllbarer Ambition selbst gewählten Abgang aus dem Forum 2015 kurz darauf zurückgekehrt; als Leiter des Kulturbüros Ludwigshafen.

Komplettes Gefühlschaos

Die Wut, Ängste und die kleinen Unsicherheiten rund um den schulischen Neuanfang seiner Heldin am fiktiven Willy-Brandt-Gymnasium am Neckarufer (offensichtlich in Forumsnähe) werden schnell nebensächlich: Erstens, weil Lotte erfährt, dass sie nur deshalb nicht bei ihrem Vater in Wien bleiben konnte, weil diesem eine schwere Krebsbehandlung bevorsteht. Um das Gefühlschaos komplett zu machen, ist sie wie vom Donner gerührt, als sie ihren „Tschick“, also einen gleichaltrigen Reisebegleiter mit Migrationshintergrund, zum ersten Mal erblickt: den nigerianischen Flüchtlingsjungen Tayo. Da sind die charmanten Avancen ihres neuen Klassenkameraden Chris schnell vergessen. Zumal der weit gereiste Tayo ihr Hilfe verspricht. Bei Nacht und Nebel schnürt Charlotte gegen den Willen der Eltern ihr Bündel und macht sich mit ihrer Zufallsbekanntschaft auf eine Reise voller Ungewissheiten nach Wien. Dort will sie ihrem Vater beistehen.

Das Szenario möchte vielleicht etwas zu offensichtlich in die Zeit der überbordenden Flüchtlings- und Asyl-Debatten passen. Aber Bursteins Plädoyer für Menschlichkeit und das Hinter-die-Fassaden-Schauen kommt dankenswerterweise ohne allzu hoch erhobenen Zeigefinger aus. Gegenseitige Hilfe in der Not ist hier, was es sein sollte: eine Selbstverständlichkeit. Da der verliebte Chris dem Paar folgt, gibt es noch ein kleines Soap-Opera-Element. Insgesamt wirken die 220 Seiten eher wie ein Jugendbuch, auch wenn die Protagonistin für ihr Alter manche Situation allzu akademisch durchreflektiert.

Wiener Mutterwitz

Das hat mehr mit Bursteins Romanen über soziale Netzwerke („Statusmeldung“, 2011) oder Castingshows („Träum weiter“, 2012) zu tun als mit dem literarisch ambitionierteren „Rosa Glas“ (2016). Der Wiener Mutterwitz und sein dynamischer Stil machen seinen fünften Roman trotzdem zur kurzweiligen Lektüre, nicht nur für vom Schicksal gebeutelte „Pubertiere“ wie Charlotte. Und die Antwort auf die im Titel gestellte Frage, wie viel denn nun die Liebe wiegt, ist so etwas wie die Seele des letztlich gelungenen Buchs.

„Wie viel wiegt die Liebe“. Bibliothek der Provinz. 220 S., 20 Euro.

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