Ludwigshafen

Gedenken Digitale Stolpersteine, um Jugendliche zu erreichen

Schlussstriche ziehen verboten

Archivartikel

Ludwigshafen.Wie kann man junge Menschen dazu bringen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was schon nahezu so lange zurückliegt, wie ein Menschenleben dauert? 80 Jahre sind zwischen heute und der Reichspogromnacht vergangen – jener Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der sich der Rassenhass der Nationalsozialisten öffentlich Bahn brach. Die Tausenden Scherben der zerstörten jüdischen Geschäfte gaben der Nacht den euphemistisch klingenden Beinamen „Reichskristallnacht“. Der Hass zeigte sich vor allem in Prügeleien gegen jüdische Geschäftsleute, viele endeten tödlich.

Die Erinnerungsarbeit an die Nacht und die folgenden Jahre des Zweiten Weltkrieges sei „anstrengend“. Das gesteht die Sprecherin des Vereins „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“, Monika Kleinschnitger, ein, als sie die Fachtagung Gedenkpädagogik im Ernst-Bloch-Zentrum eröffnet. „Erinnerungsarbeit ist kein Thema, das sexy ist, und keines, das für sich werben kann“, führt die für die Grünen im Stadtrat sitzende Lehrerin aus.

Doch: Das Motto der Tagung „Building Memories. Building Future. Erinnerung schaffen. Zukunft gestalten“ sei selbsterklärend. „Erinnerung ist ein unverzichtbarer Teil der Gegenwart und der Zukunft“, sagt Landesbildungsministerin Stefanie Hubig, ehe die Sozialdemokratin noch ergänzte: „Wir dürfen unter dem Gedenken an die Opfer der Nationalsozialisten keine Schlussstriche ziehen.“

Vor allem die jüngste Generation müsse, „nicht nur in diesen Tagen, in denen wir nach Chemnitz schauen“, für das Thema sensibilisiert werden, mahnt Monika Kleinschnitger. „Als wir die Tagung geplant haben, war Chemnitz noch kein Begriff für Rechtsradikalismus, doch sehr wohl Solingen, Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen“, erinnert sie an rassistische Ausschreitungen in den 1990er Jahren.

Verein setzt auf Internet

Um die junge Zielgruppe bei der Erinnerungsarbeit zu erreichen, setzt „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ künftig auch auf das Internet. Vereinsmitglied Maurice Kuhn, der in Mainz Politikwissenschaft und Publizistik studiert, stellte „digitale Medien als neuen Raum des Gedenkens“ vor. Unter dem Begriff Story-Telling – auf Deutsch: Geschichten erzählen – werden auf der Webseite des Vereins Biografien und Geschichten des Gedenkens in audivisuellen Formaten aufbereitet.

Der Verein zeige damit abermals, dass „er mit der Gedenkarbeit dahingeht, wo viele Menschen zu erreichen sind“, erklärte Kuhn. Grafiken, Videos, Bilder, Audiodateien und weitere Interaktionen seien solche audivisuellen Mittel, mit deren Hilfe der Verein die Verfolgungsgeschichten im Nationalsozialismus aufbereite, erklärte Kuhn.

So wie die von Max Diamant. Der jüdische Journalist wirkte lange Zeit in Mannheim, ehe er 1933 vor den Nationalsozialisten floh und sich in Frankreich für Flüchtlinge engagierte. Mit Originalaufnahmen aus dieser Zeit, Bilderstrecken seiner Fahndungsplakate oder seiner zu Kurzfilmen aus dem Off geschalteten Originalstimme lädt der Verein nun Webseitenbesucher zu einem Gedenkrundgang der anderen Art ein.