Ludwigshafen

Dessau Städtepartnerschaft wird 1987 beim Treffen Kohl/Honecker vereinbart – dennoch bleiben Kontakte anfangs spärlich

Schwieriger Beginn einer Freundschaft

Ludwigshafen.Sehr ernüchternd sind die Anfänge der Partnerschaft. Die Verbindung zwischen Ludwigshafen und Dessau wird zwar auf höchster Ebene vereinbart – beim Treffen des DDR-Regierungschefs Erich Honecker mit Bundeskanzler Helmut Kohl 1987 in Bonn. Deshalb steht sie aber unter keinen besonders guten Vorzeichen. Schnell wird offenkundig, dass die SED-Spitze keinen regen Kontakt will. Der Austausch von Gruppen soll auf das Minimum begrenzt werden. „Wir wurden völlig isoliert von den normalen Leuten. Dafür sorgten schon die Bewacher der Stasi“, berichtet Altdekan Friedhelm Borggrefe über die ersten Besuche der Ludwigshafener 1988.

Um den Aufpassern ein Schnippchen zu schlagen, verlässt CDU-Stadtrat Albin Fleck, Mitglied einer Delegation vor der Wende, bereits um fünf Uhr morgens das Hotel, um Oppositionelle zu treffen. Denn Dessauer, die Kontakt zu den Westgästen aufnehmen wollten, werden abgedrängt. Nur ausgewählte FDJ-Kader dürfen Anfang 1989 zur Jugendbegegnung nach Ludwigshafen reisen.

Dafür fahren viele Dessauer im Herbst 1989 ins 50 Kilometer entfernte Leipzig zu den Montagsdemonstrationen. Am 20. Oktober protestierten die Dessauer erstmals in ihrer Heimatstadt – und danach wöchentlich bis Januar 1990. In der Wendezeit macht die Partnerstadt in zweifacher Hinsicht DDR-Geschichte. Dort werden am 31. Januar 1990 erstmals Waffen der Betriebskampfgruppen eingeschmolzen – für eine Friedensglocke vor dem Rathaus. In Eigenregie organisieren die Bewohner des kleinen Stadtteils Mildensee am 5. März die ersten freien Kommunalwahlen.

Viele Alltagsprobleme etwa im Gesundheitswesen oder bei den Verkehrsbetrieben verschärfen sich indes – auch wegen der anhaltenden Übersiedlungswelle in den Westen. Der SED-Spitze bleibt nicht anders übrig, als die Ludwigshafener um Unterstützung zu bitten – mit großer Resonanz nicht nur bei medizinischen und technischen Geräten. Eine Welle der Hilfsbereitschaft rollt an.

Nach dem Wegfall des Zwangsumtauschs für Westbesucher explodieren die Kontakte. Vereine, Verbände und Parteien strömen zuhauf in die ehemals anhaltinische Residenzstadt. Beispiele: Norbert Leimbach (CDU) organisiert drei Bürgerreisen in die Partnerstadt. Die Vogelkundler Franz Stalla und Roland Schmitt tauschen sich jahrzehntelang aus. „Die Ludwigshafener haben eine wertvolle Hilfe beim Aufbau unserer Verwaltung geleistet“, nennt der Dessauer Partnerschaftsbeauftragte Ralf Schüler einen weiteren Aspekt. Ein Jahr lang steht ihnen ein eigens angemietetes Zimmer in Dessau zur Verfügung.

Viele Kontakte überdauern die erste Euphoriewelle und werden gepflegt, auch von den Feuerwehren. Die Ludwigshafener helfen beim Jahrhundert-Hochwasser 2002 drei Wochen lang mit, um Wasser aus dem überfluteten Stadtteil Waldersee abzupumpen. Schülers Fazit, das vor der Wende undenkbar schien, aber stets gehofft wurde: „Die Partnerschaft gedeiht auf vielen Säulen.“

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