Ludwigshafen

Enjoy Jazz II Bei einem Preisträgerkonzert im Kulturzentrum dasHaus in Ludwigshafen wurde der SWR-Jazzpreis 2017 an Christian Lillinger verliehen

So wie er spielt niemand sonst Schlagzeug

Ja, es gibt ihn noch, den klassischen Free Jazz! So, wie er in den wilden Sechzigern entstanden ist, also in der Rhythmik noch nicht verändert durch spätere Einflüsse aus Bereichen der Rock-Musik. Das heißt: Von vorne bis hinten völlig taktlos durchgespielt, wobei der rhythmische Fluss ein Pulsieren ist, ein ständiges nervöses An- und Abschwellen von Spannung; ohne festes Zeitmaß oder nur das vorübergehende Anschlagen eines perkussiven Musters.

Und das nicht etwa praktiziert von einem Veteranen der freien Improvisation, sondern wiederbelebt durch einen Nachgeborenen, dem 33-jährigen Christian Lillinger. Genauer gesagt: mit neuem Leben erfüllt. Denn so wie der junge Mann aus dem Spreewald, der in Dresden studiert hat und nun in Berlin wirkt, spielt niemand Schlagzeug. Mit einer Schnelligkeit ohnegleichen sein Arsenal an Trommeln und Becken bearbeitend, nicht eigentlich laut schlagend, meistens wenigstens, aber ungeheuer präzise; wie wohlgezielte Handkantenschläge, die hier auf sehr straff gespannte Trommelfelle treffen. Welche davon oder welchen Klangerzeuger sonst er gerade auswählt, ist wiederum kaum vorherzusagen bei diesem in dauernder wuseliger Bewegung befindlichen Improvisator.

Er antwortet sofort

Gespannt wie ein Flitzebogen erscheint er dabei, hellwach die Aktionen seiner Mitmusiker registrierend und sie sofort beantwortend. Vor allem im zweiten Teil seines Auftritts in Ludwigshafen erweist Lillinger sein Talent als gruppendienlicher Drummer. Da sind Bassist Jonas Westergaard und Vibrafonist Christopher Dell die Partner.

Ihre gut halbstündige, offenbar gänzlich frei gestaltete kollektive Improvisation entwickelt sich zu einem furiosen Zwiegespräch zwischen Schlagwerk und Vibrafon. Auf dessen Metallplättchen mit dem gläsernen Klang spielt Christopher Dell mit seinen vier Schlägeln weit gespannte Tongirlanden, die sich in rasendem Tempo mal zu wiederholen scheinen, mal durch kleine Variationen immer wieder eine Erneuerung erfahren.

Ein irisierendes, an Spannung stets zunehmendes Klang-Gerüst wie eine Art Perpetuum Mobile, dem Lillinger mit seinen trockenen, punktgenauen Trommelschlägen ein effektives Kontrastprogramm entgegensetzt, das die Spannung noch weiter anheizt. Das freut die Free-Fans im Publikum, die der erste Konzertteil eher ratlos, um nicht zu sagen frustriert zurückließ. Es lag am Konzept des Septetts "Grund", das Christian Lillinger hier präsentierte.

Ein dickes Bündel Notenblätter vor jedem der Sieben zeigte an, dass eine stark strukturierte Form von freiem Jazz intendiert war. Zwar gab es erwartete Quietscher aus den Saxofonen von Pierre Borel und Tobias Delius und die sich auftürmenden Akkorde auf dem Piano von Achim Kaufmann und, einmal mehr, Dells Vibrafon. Doch immer wieder, bevor es zu wirklichen Ausbrüchen kam, wurden sie unterbunden durch die Rückkehr zu von den Notenblättern abgelesenen Passagen. Zwei derart unterschiedliche Gruppenkonzepte kreieren und gestalten zu können, beleuchtet die Vielseitigkeit Lillingers. Er ist ein würdiger Träger des mit 15 000 Euro dotierten SWR Jazzpreises, der im Rahmen des Enjoy-Jazz-Konzerts überreicht wurde. Aufnahmen der Veranstaltung sendet SWR2 am 28. November.

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