Ludwigshafen

Literatur Hansgünther Heyme liest in der Reihe Parkpoeten aus seinem Buch „Sturm.Splitter“

Stoisch, hart und authentisch

Ludwigshafen.Auf der Suche nach „besonderen Autoren aus der Region“ stieß Kirsten Sawatzki im Insel Café vor einigen Monaten auf den ehemaligen Pfalzbau-Intendanten Hansgünther Heyme. Man erinnert sich noch an den Theatermacher, den man – wie er es selbst sagt – in einer „Arbeiterstadt“ nicht mehr haben wollte, nachdem er ihr einen Wagner-„Ring“ aufbürdete, der als „große Unkunst“ verbrämt wurde. All das ist Heyme in Erinnerung geblieben, als er in der Konzertmuschel Platz nimmt, um als Parkpoet aus seinem Werk zu lesen. Und auch wenn Sawatzki als Vorstandsmitglied des Fördervereins Ebertpark sagt, seine Funktion habe bei der Einladung keine Rolle gespielt: Dass hier einer sitzt, der keine Angst hat, vor „Wahnsinn, Arroganz und Idiotie“ zu warnen, weiß sie gewiss.

Autobiografischer Essay

Es ist diese Furchtlosigkeit, mit der Heyme auch seine Projekte verteidigte und sich nicht davor scheute, in der Mannheimer Neckarstadt-West den „Sturm“ von Shakespeare mit 40 Menschen aus dem „Problemviertel“ als bulgarisch-deutsche Fassung zu erarbeiten. In einem kalten und muffigen Luftschutzbunker. Die Gedanken, die in dieser Zeit hängen blieben, schrieb er zum Band „Sturm.Splitter“ zusammen, das sich wie eine Art Tagebuch mit Shakespeare-Zitaten liest, teilweise wie ein autobiografischer Essay – hart und authentisch, aber auch warm und romantisch.

Mit Bewunderung schreibt Heyme von seinem Großvater, der sich vom Bleistiftanspitzer beim Kölner Stadtanzeiger bis zum Verleger der Neuen Mannheimer Zeitung (dem späteren „Mannheimer Morgen“) hocharbeitete, von seinen eigenen Eltern, die als Gesellschaftstanzpaar auf den Titelseiten der Illustrierten zu sehen waren – aber auch von den Zeiten des Krieges. Einen Tag nach dem Gedenktag der deutschen Kapitulation ist es Heyme wichtig, vor allem die Gräuel zum Kriegsende, als die Russen 1945 in Richtung Berlin marschierten, während sein Stiefvater wegen Wehrmachtszersetzung interniert wurde, anzuprangern. Vielleicht liest Heyme die Paraphrasen seines Lebens genau deswegen auch so stoisch, weil er dann direkter, unbarmherziger sein kann.

Doch auch, wenn es um sein Wirken geht, ist er gerade heraus und lässt in den 90 Minuten keine wichtigen Punkte unberührt. Dass sein Stiefvater Kurt Joachim Fischer jene „Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche“ gründete, auf der er alle Wichtigen des internationalen Films kennenlernte und die heute als „Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg“ firmiert, kommt dabei ebenso wenig zu kurz, wie die Begegnungen mit Bernhard Wicki und Louis Armstrong. Insoweit ist Heymes Lesung auch eine Erzählung regionaler Kulturgeschichte, die unter Beifall in den Worten aufgeht: „Die Kunst des Theaters versetzt in einen Rausch.“