Ludwigshafen

Soziales Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker besteht seit 40 Jahren in Ludwigshafen

Verharmlosung ist typisch

Ludwigshafen.Viele traurige, aber auch lustige Momente wurden bei den persönlichen Lebensgeschichten vorgetragen. Beim Informationsabend zum 40-jährigen Bestehen einer Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker (AA) in Ludwigshafen standen vier Reden von Teilnehmern im Mittelpunkt. „Bei einem gesunden Treffen wird auch geweint und gelacht“, erklärte Ulrich in seiner Ansprache im Gemeindehaus St. Ludwig.

„Ich bin Dirk, Alkoholiker“, stellte sich ein 58-Jähriger vor, der früher so viel gesoffen hatte, dass er mehrfach in Krankenhäusern landete. „Ich hatte nur gedacht, dass ich etwas komisch trinken würde“, erklärt er – Verharmlosung ist typisch für Alkoholiker. Doch dann habe er „nach einem Rezept gesucht, ein kleines Zettelchen, wie ich mit dem Trinken aufhören könnte. Aber ich habe es nicht gefunden“. Schließlich sei er 2002 mit Fahne und gelben Augen zu einem Treffen der AA gegangen.

Einen ersten wertvollen Tipp habe er sofort erhalten: „Lass das erste Glas stehen!“ Also sich stets vorzunehmen, nur für den Moment oder die nächsten Stunden nicht zu trinken statt der großen Aufgabe, das ganze Leben trocken zu bleiben. Er fand einen „Sponsor“: Bei den Anonymen Alkoholikern wird so ein Pate bezeichnet. Der nahm sich viel Zeit für Gespräche, schließlich wohnte Dirk sogar einige Zeit bei ihm.

Nach zwei Jahren ohne Alkohol habe er eine Liste geschrieben mit Namen, auf die er Wut hatte: „Fünf Menschen wollte ich am liebsten umbringen, Ex-Frau, Eltern und Schwiegereltern!“ Doch, so Dirk: „Wer nachträgt, hat schwer zu tragen.“ Er sei zu allen gegangen und habe Vergebung erhalten.

Eine Stunde Meditation

Heute verlaufe sein Leben reibungslos, dabei seien Disziplin und Kontinuität wichtig. Dirk lebt nach der Formel „1 für 23“: Eine Stunde täglich investieren in Meditation und Besinnung, dafür 23 ruhige Stunden erhalten. Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt er von seiner Schwester, ebenfalls alkoholsüchtig, die eine neue Leber bekommen hatte, trotzdem weiter trank und zwei Jahre danach tot war.

Claudia gehört zu den Angehörigen, für die die AA spezielle Gruppen namens Al-Anon haben: „Gesellschaftlich haben wir bessere Karten, denn wir saufen ja nicht.“ Wichtig war für sie, den eigenen Beitrag zur Sucht der Angehörigen zu erkennen und ihre Ko-Abhängigkeit. Der Vater war Alkoholiker, drohte mit Selbstmord: „Als Kind habe ich auf die Eltern aufpassen müssen. Ich wurde gebraucht und fühlte mich toll.“ Andererseits habe sie viel geweint.

Als Erwachsene wählte sie einen Mann aus einer suchtkranken Familie aus, der wie ihr Vater Alkoholiker war. Der Gatte trennte sich nach Jahrzehnten von ihr: „Meine Aufgabe war weg. Es war mein persönlicher Tiefpunkt im Leben, eine fürchterliche Leere.“ Zuerst habe sie gedacht, dass die Angehörigen-Treffen ihr nichts bringen würden, doch „ohne euch wäre ich hilflos“.

Weiterer Redner war Christian, der „äußerlich funktioniert“ habe, also trotz Alkoholsucht Arbeitsplatz im Management und Führerschein behielt. Doch er habe sein Problem erkannt und begriffen, dass Alkoholismus eine lebenslängliche Krankheit ist. Christian betonte: „Ich muss mich Themen stellen, die ich im Suff wegdrücken konnte.“ Er ist regelmäßig in AA-Gruppen gegangen und wurde „trocken“, doch bei einer Geschäftsreise leerte er die gesamte Minibar im Hotel. Nach dem Rückfall suchte er bei Auslandsaufenthalten Hilfe bei AA-Gesprächskreisen und blieb nüchtern. Sein Fazit: „Die Anonymen Alkoholiker sind für mich Lebensretter und Lebensschule.“

Hermann, einer der Organisatoren des Abends, erläutert auf Nachfrage dieser Zeitung, dass viele AA-Teilnehmer an eine „höhere Macht“ glauben. Auf die Frage, wieso der überwiegende Teil der Gruppe über 50 Jahre alt ist, erklärt er, dass es beim Alkoholismus eine „Karriere“ gebe und meist erst Menschen über 35 zur Gruppe kommen. Das Netzwerk arbeitet mit Seelsorgern, Ärzten und Psychiatern zusammen.

Unter den Gästen war auch Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck. Sie betonte, wie wichtig Selbsthilfegruppen sind: „Sie reden und lernen untereinander, um die Krankheit zu überwinden.“

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