Ludwigshafen

Festival des deutschen Films „Frankfurt, September 17“ und „Der Hauptmann“ sorgen im Wettbewerb für eindrucksvolle Momente

Wenn die Schuld alltäglich ist

Archivartikel

Nicht zuletzt Jan Schütte hat in seiner Helmut-Krausser-Verfilmung „Fette Welt“ ebenfalls schon einen Blick auf den Rand der Gesellschaft geworfen. Eine Liebesgeschichte im Obdachlosenmilieu ist sein Thema gewesen, und die stellenweise Wärme, die sich die zerzausten Frauen und Männer gegenseitig geben, war dabei auch schon ein wesentlicher Aspekt. Aber wer erinnert sich noch daran? Ein ähnlich gelagertes Thema kann also erneut lohnend sein, zumal sich die gesellschaftlichen Umstände nicht wesentlich verändert haben – und sich die Regisseurin Petra K. Wagner in ihrem für den Hessischen Rundfunk produzierten Spielfilm „Frankfurt, Dezember 17“ einer anderen Erzählform bedient.

Der im Wettbewerb um den Filmkunstpreis laufende Festivalbeitrag entwickelt zwei Handlungsstränge zunächst parallel, obwohl diese zeitlich aufeinanderfolgen. Das bringt Spannung in die Sache, ohne die Konzentration zu sehr zu beanspruchen; das Stilmittel der zuweilen verfremdend direkt in die Kamera sprechenden Akteure mag dagegen eher als aufgesetzt empfunden werden.

Ein Tötungsdelikt steht im Zentrum des Films, zwei Menschen beobachten es, greifen aber nicht ein, und die junge Frau, die auf der Straße lebt und am Anfang im Mittelpunkt steht, verliert dadurch einen hilfreichen Freund. Dann sind da noch die Eltern des jugendlichen Tatverdächtigen – und überhaupt die Frage nach Schuld, Verantwortung und was im Leben wichtig ist.

Ein spannungsreicher Ensemblefilm ist das, der den Zuschauer ähnlich beunruhigen kann, wie dies für den auf dem Festival und bald bundesweit im Kino laufenden, ganz auf seine weibliche Hauptfigur zugeschnitten Spielfilm „Styx“ von Wolfgang Fischer gilt. Schuld und Moral sind auch hier Hauptthemen, illustriert am Beispiel einer segelnden Ärztin (Susanne Wolff), die auf hoher See auf ein Flüchtlingsschiff in Not trifft (wir berichteten).

Zurück in die Geschichte, in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs (1939-1945), führt dagegen der freilich nicht weniger aufwühlende, brutale Spielfilm „Der Hauptmann“ von Robert Schwentke, der bereits im Kino lief. Schuld und Moral sind auch hier im Hintergrund die Leitthemen des Films – denn die Handlungszeit lässt moralisches Handeln kaum noch zu, und Schuld ist alltäglich, wenn es wie in dem gezeigten Fall ums nackte Überleben geht.

Kontrastreiches Schwarzweiß

Angelehnt an tatsächliche Ereignisse ist das Ganze auch eine Variation auf Carl Zuckmayers mehrfach verfilmtes Stück „Der Hauptmann von Köpenick“, das ebenfalls schon eine historische Grundlage hatte. Ein flüchtiger deutscher Soldat (Max Hubacher) findet eine entsprechende Uniform und spielt sich fortab als Hauptmann auf. Er habe höchste Vollmachten, gibt er vor, und scheut nicht davor zurück, Menschen erschießen oder erschlagen zu lassen, die fahnenflüchtig oder kriminell sein sollen.

Kadavergehorsam findet sich bei den Beteiligten hier ebenso wie ein bedingungsloser Überlebenswille. Und für Versöhnlichkeit ist in diesem eindrucksvollen, harten und passend in kontrastreichem Schwarzweiß gedrehten Spielfilm kein Platz.

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