Maimarkt

Bauhandwerk Sorgen um den Nachwuchs / Auszubildenden fehlen oftmals einfache Grundkenntnisse

Viele Betriebe überlastet

Archivartikel

„Es wird die Situation kommen, wo Sie auf einen 70-jährigen Dachdecker warten“ – Joachim Proetel, Obermeister der Dachdeckerinnung Mannheim, schildert den akuten Mangel an Auszubildenden mit drastischen Worten. „Wir haben pro Jahr mehr Leute, die das Rentenalter erreichen, als Gesellen, die neu dazukommen.“ Oft fehle auch die Ausbildungsreife oder die körperliche Fitness. Die Abbrecherquote liege bei 30 Prozent.

Das sind keine guten Aussichten für das Bauhandwerk an diesem „Tag der Handwerksjunioren“, denn die Probleme Ausbildungsnotstand und Fachkräftemangel ziehen sich durch alle Gewerke. „Wir sind nur 20 Maurer in der Ausbildung aus der kompletten Metropolregion bis nach Sinsheim hoch“, berichtet Felix Albrecht. Der 24-Jährige macht eine Maurerlehre im zweiten Jahr bei einem Betrieb in Edingen-Neckarhausen. Er ist eigentlich studierter Wirtschaftsingenieur Bauwesen, hat aber das Handwerkliche dem Schreibtisch vorgezogen. Mit seinem Ausbildungshintergrund will er schon bald den Meister machen.

Und das genau ist aus Sicht von Joachim Proetel ein weiteres Problem für die Ausbildungsbetriebe: „Die Guten schauen, dass sie ihre Meisterprüfung schaffen und machen sich selbstständig.“ Dadurch gehen vor allem den kleineren Unternehmen noch mehr Beschäftigte verloren. „Viele Betriebe sind überlastet“, weiß Proetel, man versuche sich zwar so gut es gehe, gegenseitig auszuhelfen, aber am Ende bleibe doch vieles liegen.

Denn die Auftragslage ist gut. „Wir sind bis Oktober ausgebucht“, erzählt Maurerlehrling Albrecht. Und auch die Verdienstmöglichkeiten sind so schlecht nicht. „Ein guter Lehrling verdient bis zu 20 Euro die Stunde“, bestätigt Proetel. Mit aufwendigen Marketingbroschüren versuche man gegenzusteuern. „Ich habe schon das Gefühl, dass die Bewerberzahlen steigen“, hofft Innungsmitglied Benjamin Rosenthal, „dass es wieder aufwärtsgeht.“ Auch Tilo Erban, Obermeister der Steinmetz- und Steinbildhauer-Innung, ist zuversichtlich: „Klar sind gute Leute überall knapp“, sagt er, aber ein Betrieb, der Unterstützung suche, finde auch jemanden: „Die Chancen für junge Leute, die sich für diesen Beruf interessieren, sind gut.“

„Tränen in den Augen“

Voraussetzung ist, dass ein gewisses Basiswissen vorhanden ist, doch da mangelt es oft. „Ich kann jemandem, der keine mathematischen Grundkenntnisse hat, nicht vermitteln, was Bauphysik ist“, sagt Joachim Proetel. Neulich sei ein Abiturient nicht einmal in der Lage gewesen, einen Rohrdurchmesser zu berechnen.

„Wir haben große Probleme, Nachwuchs zu bekommen“, bestätigt Günter Sebastian, Obermeister der Bau-Innung Rhein-Neckar. Um das Handwerk anzupreisen, gehe ein umgebauter Bus auf Werbe-Tour, der auf Messen und in Schulen Station mache. Bei der Ausstellung „Jobs for Future“ ist der Bus zum ersten Mal in Mannheim gewesen, und auch in der Pfingstbergschule fuhr er schon vor.

Die Bau-Innung plagen indes ganz andere Sorgen. Am gravierendsten sind aus Sicht von Linus Wiegand, Bauunternehmer aus Heidelberg, die fehlenden Deponien für Erdhaushub. Er müsse mittlerweile bis zu 100 Kilometer weit fahren – und 80 bis 90 Euro pro Kubikmeter berechnen: „Da bekommen die Kunden Tränen in die Augen.“

Info: Dossier unter morgenweb.de/maimarkt

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