Mannheim

100 Jahre Herschelbad in Mannheim: Erinnerungen und Anekdoten von "MM"-Lesern

Archivartikel

Freischwimmer-Urkunde

Er hat sie gut aufgehoben: Stolz zeigt Wolf Wollstadt, der jetzt in Feudenheim wohnt, seine Urkunde vom Freischwimmer. Ausgestellt wurde sie 1958, als er die Sickingerschule besuchte. „Wir hatten einmal wöchentlich Schulschwimmen“, erinnert sich Wollstadt. Das prägte ihn: Noch heute ist er sportlich aktiv, geht oft zum Seniorenschwimmen, zu dem das Herschelbad morgens um 6 Uhr öffnet. Die Urkunde wurde ausgestellt vom Schwimmmeister vom „Städt. Maschinenamt“, dem das Herschelbad unterstand, und gegengezeichnet vom Stadtschulrat. Sie bescheinigt, dass der Schüler die „15-Minuten-Probe im Freischwimmen“ bestanden hat, und ist ein echtes Schmuckstück. Zu sehen sind ein feiner Stich des Hallenbads und seiner Arkaden sowie das Wappen der Stadt Mannheim. pwr

Blechdosen für Anfänger

Wir wohnten Anfang der 1950er Jahre in einer kleinen Dreizimmerwohnung, die zwar mit einer Toilette mit winzigem Handwaschbecken und Duschwanne, jedoch ohne Warmwasser ausgestattet war. Daher gingen meine Mutter oder meine Oma und ich zum Wannenbad ins Herschelbad. An der Kasse gab es neben der Eintrittskarte auch eine Fichtennadel- oder Lavendelbrausetablette zu kaufen, die das Badewasser angenehm duften ließ. Dann ging es in die Badekabine, wo eine Angestellte das Wasser in die Wanne einließ und wir dann für eine halbe oder Stunde baden konnten.

Die zweite Erinnerung stammt vom Anfang der 60er Jahre. Ich war in der sechsten Klasse und hatte Schwimmunterricht. Die Nichtschwimmer bekamen an Ketten befestigte Blechdosen umgeschnallt, eine Art von Schwimmhilfe. Als ich am Beckenrand stand, um mir die Wassertiefe anzuschauen, schubste mich meine Sportlehrerin einfach hinein. Seit dieser Zeit weigerte ich mich, ins Wasser zu springen, konnte kein Schwimmabzeichen machen und galt die komplette Schulzeit über als Nichtschwimmerin, obwohl ich schwimmen konnte.

Renate Münster, Mannheim 

Glücksgefühl in der Wanne 

Erst die wunderschöne Erinnerung: Ich war ein sehr kleines Mädchen, so 3 bis 4 Jahre alt, und das Allergrößte war, wenn meine Mutter zweimal in der Woche mit mir in eines der Wannenbäder ging. Die Wanne war nach meinem damaligen kindlichen Dafürhalten riesengroß, der Einstieg auch nicht so leicht, aber dann folgte im gemeinsamen Bad mit meiner Mutter ein kaum zu schilderndes Glücksgefühl. Heute würden uns die kleinen Räume wie Zellen eines Gefängnisses anmuten, und das Gefühl, in einer Riesenwanne nahezu zu versinken, würde ganz sicher keine kindlichen Glücksgefühle mehr auslösen. Aber das alles vermittelte Geborgenheit und Abenteuer anno 1948.

Die weniger schöne Erinnerung ist selbstkritisch hinterfragt und gar nicht so nobel. Ich sollte, es war ca. 1951, das Schwimmen erlernen, weil ich große Angst vor dem fließenden Wasser hatte, nachdem ich neugierig der Bergung eines Ertrunkenen aus dem Neckar zugeschaut hatte.

Also bekam ich Schwimmunterricht im Herschelbad. Eine Blechbüchse um den Bauch, eine Blechbüchse in beiden Händen sollte alle Angst nehmen und die Fähigkeit, sich schwimmend fortzubewegen, beflügeln. Es waren viele, teure Schwimmstunden und wenig Erfolg. Eigentlich gar keiner. Es wollte und wollte nicht gehen, und mein Vertrauen in die beiden Blechbüchsen sank immer tiefer – und damit auch ich. Nach zehn oder zwölf Stunden hatte meine Familie dann ein Einsehen, dass aus diesem Kind nie eine Wasserratte werden würde. Meinen stummen Protest hat niemand gehört – er geschah unter Wasser –, heimlich, aber sehr „befreiend“.

Uta von Sohl, Nienburg/Weser

Nichtschwimmer ins Wasser geworfen 

Ich bin Jahrgang 1924 und kenne das Herschelbad deshalb schon sehr lange. Wir wohnten in U 4, und deshalb war mein erster Blick, wenn ich morgens aus dem Fenster sah, das Herschelbad. Da ich die U-2-Schule besuchte, sah ich auch in jeder Pause das Herschelbad in U 3.

Ab der 6. Klasse ging es von der Schule aus ins Herschelbad, zum Schwimmunterricht. Dort wurden wir in zwei Gruppen eingeteilt, Schwimmer und Nichtschwimmer. Ich gehörte glücklicherweise zu den Schwimmern, da die Nichtschwimmer einfach ins Wasser geworfen wurden, und der Bademeister hielt eine lange Stange ins Wasser, an der sie sich festhalten konnten. Ob sie mit dieser Methode schwimmen lernten, weiß ich heute nicht mehr.

Während der Nazi-Zeit wurde das Bad in „Hallenbad“ umbenannt. Für uns blieb es aber weiterhin das Herschelbad. Im Dezember 1940 besuchte ich an einem Abend das Herschelbad. Ich war gerade in der Umkleidekabine, als es Fliegeralarm gab. Sofort mussten alle in den Keller und dort bis zum Ende des Angriffs um 24 Uhr ausharren. Erst dann durften alle das Bad verlassen. Später in der Nacht gab es noch einmal Alarm und alle mussten in Luftschutzkeller.

Richard Mohr, Lampertheim

Pferdekutschen brachten die Kohlen

Ich habe Ihren Aufruf gelesen. Das ist eine tolle Idee. Bernhard Herschel, dessen Grab sich ja auf dem jüdischen Friedhof befindet, würde sich darüber sehr freuen. Zumal er ja mit seiner großzügigen Spende zur Errichtung des Bades beigetragen hat und zur Bestürzung aller im Dritten Reich dann ein Schild an der Eingangstüre mit der Inschrift ,Zutritt für Juden verboten’ angebracht war.

Ich war von 1947 bis März 2014 Anwohnerin in U 4, 5, also Herschelbadrückseite, und habe auch dort meine Kindheit verbracht. Das für uns auf der Rückseite des Bades befindliche sogenannte ‘Plätzchen’, heute leider Parkplatz, diente uns als Spielplatz. Damals wurde das Bad noch mit Kohle beheizt, und ich erinnere mich noch an die Pferdekutschen, die die Kohlen für das Beheizen des Bades in die dafür vorgesehenen Öffnungen auf dem Plätzchen abluden.

Später wurde das Bad auf Fernheizung umgestellt, und es musste dafür ein Kessel eingebaut werden. Letzterer hatte keine allzulange Lebensdauer, da er eines Tages explodierte. Erfreulicherweise ging alles glimpflich ab.

Des Weiteren sind wir als Kinder verbotenerweise an der Außenfassade zu Halle 2 hochgeklettert und in die noch durch den Krieg zerstörte Halle eingestiegen. Das Becken ohne Wasser, aber mit Steinbrocken gefüllt. Die Schränke für die Kleidungsablage standen in diesem Durcheinander noch wie eine 1 da. Ich sehe die Bilder heute noch vor mir. Auch das Wannenbad sagt mir noch etwas. In unserem Hause wohnte meine Nachbarin, die Walli, die im Herschelbad angestellt und für die Wäscherei und für das Säubern der Badewannen zuständig war.

In Halle 3 lernte ich, mit der Schulklasse und DLRG, schwimmen und legte 1959 meinen Freischwimmer dort ab. Damals war es auch noch möglich, Massagen nach Terminvereinbarung in Anspruch zu nehmen, was ich ebenfalls wahrnahm. Später wurde der Bereich leider eingestellt.

Rosemarie Friedrich, Mannheim

Gedicht: En feschte Platz tief in meum Herz

Vergange is so manches Johr, doch die G’schicht is werglich wohr: In de Ferie war ich, bei Verwande, beim Lieblings-Ungel un de Dande, in Frankfort - un die setze ‘s Ziel, mich rumzuführe, möglichst viel.

Die Saurier, im „Senckeberg“, im Theater mol e Jugendwerk, un ab un zu bin ich aa froh, wann’s heest: Heit geh’mer in de Zoo! Doch fährt fascht jeden Dag mer naus, gehn die Idee aa mol aus.

Ich iwwerleg, un mir fällt eu, des könnt ebbes fer morge seu: „Mir fahr’n gemeinsam mit’m Rad mol in eier Herschelbad!“ Im Stille bin ich mer gewiss, dass unsers ganz b’stimmt schänner is!

Ungel un Dande, wie ich seh, bleiwe wie ångeworzelt steh, gugge, grad so kummt’s mer vor, wie e Kuh vor’m Scheierdor un sage, ich soll widderhole, wo mer morge hiefahrn solle!

Hab HERSCHELBAD dann buchstabiert, was trotzdem net zur Lösung führt. Sie hätte kääns - hör ich se sage! Ob’se mich net verstanne hawwe? „Frankfort, so e großi Stadt, un ihr habt kää Herschelbad?!“

Was haww’ich dort als fer en Spaß, vun de Schul, mit meunre Klass! Obwohl: De Bademeischder droht ab un zu mit Schwimmverbot, zum Beispiel wann mer net geduscht an ihm vorbei ins Wasser huscht!

Sofort peift er ääm zum Appell un reibt am Griewehals die Pell! Gibt’s Riwwelin, so zwee/drei Stück, geht’s zum Dusche prompt zurück! Hygiene is, des wees mer jo, in so’me Bad des A un O!

Äänes Dags ruft er uns her, erklärt uns, schummle ging nimmer! E Mittel wär’ im Becke drin, fer die Hygiene en Gewinn, denn an’re Farbwolk ded mer sehe, wers Wasser losst ins Wasser gehe!

Vielleicht war’er aa bloß so gloor, hot was verzehlt, was gar net wohr! Uff jeden Fall hot’s funktioniert, kääner vun uns hot’s aubrowiert, un es basst zur Theorie: Die Toilette war b’sucht, wie vorher nie!

Dem Herschelbad g’hört ohne Scherz en feschde Platz dief in meum Herz. Den hots erobert einst im Sturm, genau wie unsern Wasserturm. Un manchmol denk ich noch, bis heit: Die Frankforter sin arme Leit!

Text und Karikatur: Gerd Stolze, Mannheim

Ein Lederköfferchen als Entschuldigung 

Es war wohl 1959/60, als ich ca. 20-jährig schwimmen lernen wollte. Nach Anmeldung zu einem Schwimmkurs stand ich im wunderschönen Schwimmpalast am Beckenrand und konnte mich nicht entschließen, in das für mein Empfinden eiskalte Wasser zu steigen. Als ich nach mehrmaliger Aufforderung des jungen Schwimmlehrers immer noch keine Anstalten machte, ins Wasser zu kommen, gab er mir einen leichten Schubs, so dass ich ins Wasser fiel. Er gab sich große Mühe, mir das Schwimmen beizubringen. Ich weiß nicht mehr, ob es einen zweiten Versuch gab – gelernt habe ich es erst viele Jahre später. Der Schwimmlehrer entschuldigte sich am Schluss und bot mir an, im Kaufhaus Vetter, wo er als Verkäufer arbeitete, einen verbilligten Einkauf tätigen zu können. Ich stimmte zu und kaufte mir ein kleines Lederköfferchen, welches ich noch heute besitze.

Da ich nur in einem kleinen Zimmer, natürlich ohne Bad, in der Neckarstadt wohnte, habe ich ein paar Mal ein Wannenbad mit großem Vergnügen genossen – selige Minuten im wohlig warmen Schaumbad, bis die Badefrau kurz vor Ende der Badezeit an die Türe klopfte. Auch die gut bestückte Bibliothek besuchte ich regelmäßig, um mich reichlich mit interessantem Lesestoff zu versorgen.

Irmgard Laux, Heddesheim

Die schaurig laute Glocke 

Die Zeitungsnotiz, dass ein Hallenbad wieder eröffnete, war für uns Kinder der Nachkriegsjahre eine erstaunliche Nachricht. Gleich in den ersten Tagen liefen wir durch die Quadrate eine halbe Stunde bis zu dem imponierenden Gebäude, um dann im Eingang eine Eintrittskarte für Kinder zu lösen.

Es wurde uns eine Metallmarke mit einer Nummer ausgehändigt, die am Badeanzug zu befestigen war, und für Nichtschwimmer eine Art Blechtrommel, die mittels einer Kette um den Bauch getragen wurde und etwas scheuerte am Rücken.

Umkleideplätze und Spinde befanden sich im ersten Stock, von dem aus man einen Überblick über die Schwimmhalle hatte. Sie erschien uns fürstlich und immens! Das Beste waren die heißen Duschen, die damals in vielen Behausungen noch nicht vorhanden waren. Man blieb unter dem heißen Strahl, so lange man konnte, das heißt, bis einen die gefürchteten Badefrauen hinausjagten!

Unten am Kopf des Beckens regierte ein Bademeister mit einer Trillerpfeife, und neben ihm befand sich eine Tafel, auf der in regelmäßigen Abständen die Nummern erschienen, deren Zeit abgelaufen war.

Man konnte eine Stunde bleiben. Voller Furcht und Hoffnung erwarteten wir Kinder die schaurig laute Glocke, die das anzeigte und uns aus dem Schwimmbad trieb. Ganz selten geschah ein Wunder: Versehentlich wurde eine Tafel übersprungen, und man konnte eine weitere Stunde bleiben.

Margarete Ziegler Della Latta, Sarzana (Italien)

Von sanften Wellen mitgetragen 

Das Wellenbad war nach dem Krieg in den Jahren 1949 bis 1950 noch in Betrieb. Es wurde stillgelegt, als das Badebecken auf 25 Meter gekürzt wurde, damit es das Standardmaß für Schwimmwettkämpfe hat.

Vor diesem Umbau mussten vor das Gitter, hinter dem sich die Schiebeanlage für die Wellen befand, Platten befestigt werden, um den Schwimmern die Wende zu ermöglichen. Das Gleiche war im Nichtschwimmerbereich der Fall. Dort wurde, um die 25 Meter Bahnlänge zu erreichen, eine Wendemöglichkeit ca. 2 Meter vor dem Ende des Schwimmbeckens installiert. Das Wellenbad fand immer an Sonntagen statt, und es war immer ein tolles Erlebnis.

Vor den Schiebern im drei Meter tiefen Bereich waren es sanfte, hohe Wellen, von denen man mitgetragen wurde, bis sich die Wellen im flachen Bereich des Beckens brachen und zur Brandung wurden. Die Ankündigung von Perrey, es ist eine Brandung wie in Seebädern, war genau richtig.

Ottokar Charly Braun, Mannheim

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