Mannheim

40 Jahre Forum Schaho Balbas verfasst Geschichten – und fand schon früh Unterstützung im Jugendzentrum / Heute arbeitet er an seinem ersten Buch

Über Schreiben, Heimat und Glück

Vor Jahrzehnten, sagt Schaho Balbas, hätte seine Mutter das nicht gedacht: Dass eines ihrer Kinder mal durch die Welt reisen darf. Zum Glück ist es für die Familie anders gekommen: In Japan, Neuseeland und in den USA war der 20-jährige Mannheimer nach dem Abitur. Ein Jahr lang reiste er, trampte, schlief auf fremden Couches und arbeitete weit weg von zu Hause. Schaho Balbas Familie stammt aus dem Nordirak, die kurdischen Eltern flohen Mitte der 90er Jahre mit seinen beiden älteren Geschwistern. Der Jüngste – Schaho – ist hier geboren, in der Neckarstadt aufgewachsen, erst in der Mittelstraße, dann in einem der drei Neckarhochhäuser.

Schaho Balbas sitzt im Café vor der Alten Feuerwache. Der Wind weht ihm die wilden Locken ins Gesicht. Er kann schön erzählen, nutzt bildhafte Sprache. Ein bisschen nervös wippt er mit den Beinen. Sein erstes Interview, sagt er entschuldigend. „Ich kann mich übers Schreiben besser ausdrücken als auf anderen Wegen.“ Schon als Jugendlicher war das so. Eine seiner Lehrerinnen am Ludwig-Frank-Gymnasium bestärkte ihn darin, sie verließ jedoch bald die Schule. Also „spazierte“ Schaho „auf der Suche nach Orientierung einfach rein“ ins Jugendkulturzentrum Forum, das in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert: „Ey, ich schreibe Texte. Habt ihr da was? Kennt ihr da wen?“, fragte er.

Eine „superoffene Fläche“

Und wieder hatte er Glück: Damals leitete Fabian Burstein das Forum, der heute Chef des Kulturbüros in Ludwigshafen ist – und selbst Bücher schreibt. „Er hat über meine Texte geschaut und den Schreibpool geleitet, in dem ich von da an an meinen Geschichten gearbeitet habe.“ Bis dahin kannte er das Jugendzentrum, das nur wenige Meter von seiner Haustür entfernt liegt, nur flüchtig. Als Kinder hatten sie zwischen den Hochhäusern getobt und manchmal Spiele dort ausgeliehen. Jetzt lernte er das Forum neu kennen, als „superoffene Fläche“. Noch immer tritt er dort bei der offenen Bühne auf, um Texte vorzustellen.

Für „Moving Stories“, ein Projekt über besondere Mannheimer Orte, hat er den Beitrag „3x3“ über den Alten Meßplatz geschrieben: eine Geschichte „von jungen Räubern in einer jungen Nacht, erwachsenen Kindern in einer traurigen Stadt“. Inzwischen schreibt er an seinem ersten Buch. Der Protagonist, ein Geschäftsmann mit bipolarer Störung, ist zwar viel älter als der Autor – und doch geht er bei der Erfindung der Figur zunächst von seinem eigenen Charakter aus. Von seiner Lebenswelt, die er abstrahiert.

Schaho Balbas arbeitet gemeinsam mit einem Freund außerdem an einem Filmprojekt. Dabei geht es um ihn, um seine Familie in Mannheim und die Angehörigen im Irak. Um die unterschiedlichen Leben, die sie führen. Im Herbst 2017 war Schaho Balbas nach zehn Jahren erstmals wieder im Irak, für vier Wochen. Sein Cousin, sagt Schaho, kann mit seinem Pass nur nach Zypern und in die Türkei reisen. Während er selbst sich die Welt anschaut. Trotzdem hält er nichts davon, ihre Leben in Schwarz und Weiß einzuteilen, in gutes und schlechtes Leben. „Auch wenn die politischen und die gesellschaftlichen Bedingungen ganz unterschiedlich sind, versucht jeder von uns beiden, auf seine Art glücklich zu sein.“

Glück. Für den 20-Jährigen bedeutet das: Schreiben. „Ihr jungen Menschen schreibt wahnsinnig gerne über Weltschmerz“, habe Fabian Burstein vom Forum einmal zu ihm gesagt. „Schreib’ doch mal was über Liebe.“ Schaho Balbas lacht. „Wie sollte das gehen? Als wütender Jugendlicher mit Migrationshintergrund?“ Er kennt sie allzu gut, diese Sätze: „Du kannst ja super Deutsch.“ Oder: „Und wo kommst du ursprünglich her?“ Aus Mannheim. Nun ja, er gibt sich lässig: Das gehöre zu seiner Lebensrealität. „Der Irak ist nicht meine Heimat, aber eben ein Teil meiner Geschichte.“

Die aktuellen Debatten um Flüchtlinge beschäftigen den Studenten. „Eine Zeit lang habe ich mich ganz schön hineingesteigert, wenn Leute gesagt haben, dass es nichts wird mit der Integration.“ Seine Familie sei ein Beispiel dafür, dass es funktionieren kann. Schaho weiß, was es dafür braucht: jemanden, der hinter einem steht und einem Möglichkeiten aufzeigt. Neben Eltern und Geschwistern waren das für ihn die Lehrerin, die ihn zum Schreiben gebracht hat. Und Fabian Burstein im Forum. Heute schreibt Schaho Balbas sogar manchmal über Liebe.