Mannheim

Stadtgeschichte Vor 75 Jahren gastiert erstmals nach dem Krieg wieder ein Zirkus in Mannheim

Akrobatik und Clowns inmitten von Trümmern

Archivartikel

Viele Menschen leben in Bunkern, sie hungern, räumen Trümmergrundstücke frei. Aber sie dürfen wieder über Clowns lachen, über Akrobaten staunen, exotische Tiere bewundern: Anfang September vor 75 Jahren gastiert erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein Zirkus in Mannheim.

Unter „stärkster Publikumswirkung“ findet, so ergibt sich aus Unterlagen vom Marchivum, dieses Gastspiel statt. Wo genau, das ist jedoch nicht überliefert – nur von Neckarau ist die Rede, und Bilder von diesen Auftritten gibt es auch nicht. Schließlich erscheint damals noch kein „Mannheimer Morgen“, sondern lediglich ein Blatt der amerikanischen Militärregierung.

Die Heidelberger „Rhein-Neckar-Zeitung“ nimmt aber kurz Notiz davon, dass in Mannheim ein Zirkus „die leidgeprüfte Bevölkerung für einige Stunden aus den Sorgen und Nöten des Alltags“ reißt und nach den – stets überfüllten – Mannheimer Vorstellungen ab 16. September dann der Heidelberger Meßplatz das nächste Ziel der Artisten ist.

80 Pferde haben sie laut den Marchivum-Unterlagen dabei, dazu fünf Elefanten, Trampeltiere und andere Exoten. Sie stammen wie die Clowns und Akrobaten, Radfahrkünstler und Tänzerinnen von einem, wie es heißt, nach dem Krieg „völlig neu aufgebauten“ Zirkus aus den beiden Unternehmen von Willi Holzmüller – der aus dem Badischen stammt, aber nun Staatsbürger von Luxemburg ist – sowie dem ältesten deutschen Zirkus, der Familie Althoff. In welch ungewöhnlichen Zeiten die Artisten ihre Salti schlagen, zeigt, dass parallel zu ihrem Gastspiel die durch den Krieg stillgelegten Telefone wieder funktionieren. Der „Ortsfernsprechverkehr“ zwischen Mannheim, Heidelberg und Schwetzingen werde aufgenommen, wird ebenso September 1945 gemeldet.

Probleme mit dem Futter

Im Jahr darauf kommt aber wieder ein Zirkus. Nun berichtet der inzwischen gegründete „Mannheimer Morgen“, dass der Zirkus Franz Althoff mit zwei Sonderzügen ein „Programm von Weltstadtformat“ zeigt und „das Publikum wie ein Magnet anzieht“. Löwen, Tiger und Pferde zeigten „Dressurleistungen in höchster Vollendung“. Ein erneutes Althoff-Gastspiel wird vom April 1947 gemeldet, wieder bescheinigen ihm Reporter „Spiele in höchster Vollendung“. Allerdings wird auch ausführlich geschildert, wie schwer es ist, den Fleischverbrauch der Löwen und den Heu-Bedarf von Elefanten und Pferden zu decken – noch herrscht ja Mangelwirtschaft.

Als im Oktober 1948 dann der Zirkus Holzmüller sein Viermastzelt aufbaut, befinden sich laut den damaligen Chronisten aber die Zuschauer „nur knapp in der Mehrheit gegenüber den Artisten“. „Da ist wohl eine gewisse Zirkusmüdigkeit bei den Mannheimern eingetreten. Zu oft wohl waren in kurzer Abfolge solche Darbietungen zu sehen gewesen“, so Markus Enzenauer vom Marchivum nach einem Blick in die Archivunterlagen.

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