Mannheim

Alt, müde und hässlich

Archivartikel

Am Samstag ist „Peter und Paul“, das Hochfest der Apostelfürsten. Dafür ist der 29. Juni mit schelmischem Bedacht gewählt: An diesem Datum beging das heidnische Rom das Fest von Romulus und Remus in ihrem Tempel auf dem Viminalshügel der Ewigen Stadt. Wie diese beiden die Gründungsgestalten das alten Roms waren, so sollten Petrus und Paulus als deren Nachfolger für das christliche Rom in Stellung gebracht werden. „Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche errichten, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Das mag zwar majestätisch ertönen, doch ist die Kirche, ist das Christentum längst alt und müde – und vor allem hässlich geworden.

Schande und Scham sind wohl das Mindeste, was man angesichts der verheerenden Metastasen sexuellen Machtmissbrauchs empfinden muss, die den „Leib Christi“ fortwährend vergiften. Fassungslos und unendlich traurig stehe ich vor all dem verfilzt Widerwärtigen, das mittlerweile ans Licht gekommen ist und die moralische Autorität der Kirche zerstört hat. Ungleich schwerer wiegen all die seelischen Zerstörungen durch den Selbstverrat einer „Heilsanstalt“, der man im Zweifel nicht mehr über den Weg trauen wird. Es erscheint mir schleierhaft, wie sich das kirchliche Leben als Orientierungs- und Hoffnungsprojekt für eine gottlose Welt von seiner eigenen Gottlosigkeit erholen könnte – es sei denn, die Kirche verordnete sich eine reinigende Rosskur epochalen Ausmaßes.

Zölibat ist die Triebfeder

Kein klerikales Mäntelchen darf vor rechtsstaatlicher Ahndung schützen. Kein falscher Corpsgeist darf verhindern, dass die Triebfeder des scheinheiligen Nicht-von-dieser-Welt-Seins aufgedeckt wird: zölibatär gedeckelte und existenziell verdrängte eruptive Sexualität. Männer, die im Zölibat leben sollen, sind und bleiben Männer: Wer mit seiner eigenen Sexualität nicht gelernt hat (selbst-)verantwortlich umzugehen, ist alles – nur nicht geeignet, (geistliche) Verantwortung übertragen zu bekommen. Schweige- und Tabuisierungskartelle befördern eine verhuschte und verlogene Mentalität, die katastrophal ist.

Ich habe nie verstanden, wieso sich gläubige Gottesintimität und zwischenmenschliche Intimität gegenüberstehen sollen. Ich habe nie begriffen, warum im Bereich des Sechsten Gebotes alles unversehens schwere Sünde ist. Ich beziehe mit Nachdruck Position gegen selbst ernannte rechtgläubige Kreise, die eine Vermischung der Missbrauchsthematik mit der Frage sexueller Identitäten und alternativer Lebensformen unterstellen und deswegen sofort die sprichwörtliche „Diktatur des Relativismus“ diagnostizieren. Nicht zuletzt verwahre ich mich gegen die Annahme, Gott schaue eher ins Schlafzimmer der Menschen als in das Herz der Menschen.

Sonst ist mir angst und bange

Wenn wir uns dieser Problemfelder offensiv annehmen, kann die Kirche hoffentlich die nötige Glaubwürdigkeit wiedergewinnen, um mit Paulus sagen zu können: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht!“ Petrus mag zugesichert sein, die „Mächte der Unterwelt“ könnten nichts ausrichten – gegen die anderen Mächte ist anzugehen, sonst ist mir um die Zukunft des Christentums auch in Mannheim angst und bange.

Oliver Wintzek, Pfarrer und Kooperator in der katholischen Seelsorgeeinheit Johannes XXIII. in der Innenstadt