Mannheim

Buch Psychotherapeutin Ulrike Thomas porträtiert in Wort und Bild 20 Mannheimerinnen zwischen 70 und 88

„Alte Schachteln? Na und!“

„Natürlich ist das provozierend“, sagt Ulrike Thomas, die ihren 20 Porträts von Mannheimerinnen zwischen 70 und 88 den Titel „Alte Schachteln“ verpasst hat. Er kündet aber auch von einem trotzigen „Na und!“. Das Buch konterkariert die seit dem 16. Jahrhundert belegte Bezeichnung für „ältliche Weiber“. Von wegen, dass die generell ohne Saft und Kraft seien. In den Biografien blitzt Lust auf, das zu tun, was eine Frau schon immer wollte – aber häufig früher nicht durfte. „Alle sind auf irgendeine Art Lebenskünstlerinnen“, kommentiert die Autorin.

Manchmal begleitet Ulrike Thomas ein Projekt über Jahrzehnte. Für ihre Promotion hatte die Diplom-Psychologin das Thema „depressive Symptomatik bei Frauen im Alter“ gewählt. Bei ihren 40 Interviews stellte sie fest, wie sehr aufgezwungenes Rollenverhalten und „nicht gesehen werden“ lähmt. „Man hat das halt so hingenommen“, lautete damals die Erkenntnis der Seniorinnen. Die Untersuchung wurde 1998 mit jenem Preis des Landes Hessen ausgezeichnet, der nach Elisabeth Selbert, eine der vier Mütter des Grundgesetzes, benannt ist. Das Thema hat Ulrike Thomas nie mehr losgelassen – weder als Gerontologin noch als Psychotherapeutin mit eigener Praxis. Auch nicht als Feministin und einstige Grünen-Stadträtin.

Schwieriger als gedacht

Die Idee, Frauen, die zwar nicht mehr jung, aber keine alte Schachteln sind, zu befragen, wie sich ihr Leben entwickelt hat und was sie heute daraus machen, erwies sich schwieriger als gedacht. Manche der Angesprochenen getrauten sich nicht, andere sprangen ab – aber nach den ersten vier Interviews 2017 nahm das Projekt Fahrt auf.

Dazu trug eine Lesung beim Verein Mannheimer junge Alte (MajuA) bei: Ulrike Thomas stellte ihren psychologischen Roman rund um Geschlechterrollen vor – „Der fehlende Mann“.

Wenn die Autorin für ein Treffen eineinhalb Stunden vereinbarte, dann erklärten so manche Frauen, das Gespräch brauche vermutlich nur die Hälfte. „Und dann waren im Nu fünf Stunden rum.“ So unterschiedlich die ihr erzählten Biografien auch sein mögen, sie widerlegen das gängige Vorurteil, „alt“ bedeute grundsätzlich „hilflos“. Die 20 Mannheimerinnen berichten, wie sie es hinkriegen, wenigstens den Spätherbst ihres Lebens zu gestalten und dabei auch Neues zu wagen. Ihre Botschaften lauten: „Ich korrigiere und justiere nach“ – „Engagement tut mir gut“ – „Habe gelernt, mich durchzusetzen“ – „Frauen nehmt am öffentlichen Leben teil!“

Stellvertretend seien die jüngste und die zwei ältesten der Porträtierten, außerdem Ordensfrau Oberin Walburgis herausgegriffen. Die 70-jährige Karin David, Tochter des früheren Mannheimer Bürgermeisters Manfred David, erzählt von ihrer Suche nach Freiheit, von ihren Wohnmobil-Touren seit fünf Jahrzehnten. Warum mit 88 keinen langen roten Ledermantel tragen? Edith Klebs liebt das Theatralische, schließlich hat die einstige Lehrerin bis zu ihrem 80. Geburtstag das für spritzige Sketche bekannte Seniorenensemble „Spätlese“ geleitet.

Fotos komplettieren Texte

Marga Bürkle, ebenfalls Jahrgang 1930, gehörte zu den wenigen ihrer Generation, die aufs Gymnasium durften – aber bitte schön nur bis zur Mittleren Reife. „Wir sollten mehr Zeit für die Menschen haben“, wünscht sich Oberin Walburgis, die eigentlich Hedwig Kiefer heißt. Das Wort Pensionierung kennt die Ordensfrau nicht: Mit 77 kümmert sie sich nach wie vor im Theresienkrankenhaus um Kranke. Ungekünstelte wie ausdrucksstarke Aufnahmen – allesamt von Ulrike Thomas – komplettieren die Texte. „Fotografieren war für mich stets Ausgleich zum Beruf.“ Weil ihre Porträtbilder weit mehr als optisches Beiwerk sind, startet am 12. September eine Wander-Fotoausstellung – natürlich mit dem Titel „Alte Schachteln“.

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