Mannheim

Am Frieden arbeiten

Um morgens gut wach zu werden, schalte ich meistens das Radio ein. Flotte Musik zum Mitsingen unter der Dusche und den ein oder anderen aktuellen, witzigen oder auch kritischen Gedanken mit auf den Weg in den Tag zum Frühstückskaffee angeboten zu bekommen, gehört zu meinem Tagesstart dazu. Immer wieder gibt es einen Gedanken oder Impuls, der hängenbleibt und mich über die Woche begleitet.

Gestern bin ich an der neuen Single von Udo Lindenberg hängengeblieben. Der Titel hat mich gedanklich stolpern und nachdenken lassen: „Komm, wir zieh’n in den Frieden.“ Die Musik ist berührend und mitreißend zugleich, Udos Stimme auf seine etwas schnoddrige Art herausfordernd und Kinder singen auch noch mit. Ein Ohrwurm! Und eben immer wieder die irritierende Aufforderung: Komm, wir zieh’n in den Frieden.

In einer Woche, in der an ein- und demselben Tag der Reichspogromnacht vor 80 Jahren gedacht wie an den Mauerfall 1989 erinnert wird, bekommt dieser Text einen ganz eigenen Geschmack und transportiert vor allem eine zentrale Botschaft: Es reicht nämlich eben nicht, sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, dass wir ja gerade keinen Krieg erleben. Nein, es geht darum, aktiv am Frieden zu arbeiten. Frieden ist kein Zustand, Frieden ist eine immerwährende Aufgabe. Eine Aufgabe, die sich auch und sicher in einem hohen Maß an die Politik richtet. Aber zu allererst ist jede und jeder Einzelne gefragt.

Notwendig, dass wir aufstehen

Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, welcher Nation oder Religion, welchem Alter oder Geschlecht ein Mensch angehört. Ausschlaggebend ist die Haltung, in der er lebt. Und ja, es bedeutet Arbeit, innere Arbeit, sich selbst immer wieder zu justieren und in diese Lebenshaltung zu bringen, die in einem bekannten Gebet aus dem Jahr 1913 so ins Wort gebracht ist:

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,

dass ich liebe, wo man hasst;

dass ich verzeihe, wo man beleidigt;

dass ich verbinde, wo Streit ist;

dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;

dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;

dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;

dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;

dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Es braucht Mut und Selbstvertrauen, für diese Maxime aktiv einzustehen und gegen einen bequemen Zeitgeist und zunehmend undemokratische Strömungen anzuleben.

Aber Udos Refrain geht weiter: „Wir sind mehr, als du glaubst. Wir sind schlafende Riesen, aber jetzt stehen wir auf.“ Wie beeindruckend war die unerwartet hohe Beteiligung an der Demonstration und Kundgebung „Für Demokratie, Menschlichkeit und Rechtsstaat“ am 3. Oktober. Denn es ist notwendig, dass wir aufstehen und in Bewegung kommen, dass wir sichtbar werden und unsere Stimme erheben, wir uns einmischen und anpacken. Es gibt so viele Gelegenheiten in unserem persönlichen Alltag aber eben auch im gesellschaftlichen Leben unserer Städte und Gemeinden, bei denen wir alle Farbe bekennen können für ein friedliches und gerechtes Miteinander, das wir nur gemeinsam erreichen und erhalten können. In diesem Sinne: „Komm, wir zieh’n in den Frieden!“

Barbara Heimes,

Katholische Gemeinderefe-

rentin der Seelsorgeeinheit

Mannheim Johannes XXIII.