Mannheim

An Gott glauben

Archivartikel

Beim Mittagessen im Kollegenkreis entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch. Es geht um die ungeliebten Lohnabzüge wie Soli und Kirchensteuer. Und, apropos Kirchensteuer, um die Frage, wie man wohl gestrickt sein muss, um an Gott zu glauben. Einige wilde Spekulationen später schlucke ich eine Gurkenscheibe hinunter und setze zum Outing an: „Also, auch wenn ihr das komisch findet: Ich glaube an Gott.“

Die Überraschung ist perfekt. „Willst du damit sagen, du glaubst an ein unsichtbares, übernatürliches Wesen, das von außen die Fäden zieht?“ Ich sollte ergänzen, dass unsere Runde aus Naturwissenschaftlerinnen besteht. Schon von Berufs wegen „glauben“ wir Ideen und Vermutungen nicht. Wir akzeptieren sie, wenn es dafür nachprüfbare Belege gibt, und verwerfen sie, wenn neue Erkenntnisse eben dies nahelegen. Es käme uns nicht in den Sinn, ewiggültige Wahrheiten aus unangreifbaren, heiligen Schriften abzuleiten. Kein Wunder, dass ich in unserer Runde so kurios wirke wie Piloten mit Flugangst oder vegane Fleischer.

Vielstimmigkeit der Bibel

Zweifellos gibt es verständliche Gründe, nicht an Gott zu glauben. Dass man Gott nicht beweisen kann, ist nur einer. Klischeehafte Gottesbilder sind genauso hinderlich. Sie werden weder der Vielstimmigkeit der Bibel gerecht, noch halten sie unserer vielschichtigen Lebenswirklichkeit stand. Wir wissen heute, dass Naturereignisse ihren eigenen Gesetzen folgen und nicht einem überirdischen Strippenzieher. Schon von daher kann es kaum funktionieren, etwa die Coronavirus-Pandemie als von Gott gemacht zu denken. Biologisch betrachtet ist sie ein Produkt zufälliger, von niemandem beabsichtigter genetischer Veränderungen. Zwar erinnert sie uns mit erbarmungsloser Wucht, dass wir Menschen auch Jahrhunderttausende nach unserem Erscheinen auf dieser Erde nicht die Herren der Welt sind, so sehr wir uns dazu aufspielen. Aber die Idee, Gott wolle sich auf diese Weise in Erinnerung rufen, erschiene mir als das Trostloseste, was ich denken kann.

Widerspricht also der Glaube an den Gott der Bibel vernünftigem und gesundem Menschenverstand? Ich meine, er tut es dann, wenn man die Bibel als eine (Alternative-)Fakten-Sammlung missversteht und Glauben mit Für-Wahr-Halten verwechselt. Doch die Bibel verkündet keine Naturlehre, die sich gegen alle Erfahrung behaupten will. Sie verlangt auch nicht, dass man ihre sagenhaften Sprachbilder wörtlich nimmt.

Selbstverantwortetes Handeln

Was sie im Namen ihres Gottes fordert, ist selbstverantwortetes Handeln zum Wohle allen Lebens: Anteilnahme, Fürsorge, Liebe, Hingabe. Sie erzählt von Menschen, die sich unter Berufung auf diesen Gott entscheiden, ihre Stimme gegen Unrecht zu erheben, vom eigenen Überfluss abzugeben, sich mit Ausgegrenzten zu solidarisieren. Und das geht gerade nicht ohne zu denken, zu prüfen, zu zweifeln und wo nötig auch abzulehnen. Mich darauf einzulassen, nenne ich Glauben. Und dieser Glaube macht mein Leben nicht widersprüchlich, sondern zielgerichtet und hoffnungsfroh.

PS: Ich kenne einen Amateurpiloten, der das Fliegen gelernt hat, um seine Flugangst zu überwinden. Und ich weiß von einem Fleischer, der die vegane Ernährung für sich entdeckt hat, ohne deshalb seinen Beruf aufzugeben. Klingt vernünftig, oder?

Elke Niebergall-Roth, Prädikantin, Evangelische Kirche in Mannheim

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