Mannheim

Anders als erwartet

Als ich am Montag Mittag am Fenster meines Büros stand, musste ich mich entscheiden: Gehe ich zu dem bevorstehenden Termin oder nicht? Draußen regnete es – entgegen der Wettervorhersage – in Strömen. Um pünktlich zu kommen, musste ich ungefähr sieben Minuten mit dem Fahrrad fahren. Bei der Regenmenge keine unerhebliche Zeit! Ich habe mich für den Termin entschieden und bin ziemlich nass geworden. Anschließend habe ich versucht, mich nicht über meine nasse Kleidung zu ärgern. Das ist mir einigermaßen gut gelungen. Schließlich hatte ich mich so entschieden. Ich hätte den Termin auch verschieben und im Büro bleiben können.

Aus dieser banalen Situation ergab sich für mich die Frage: Wie schaffe ich es, die Dinge in meinem Leben zu akzeptieren, die meinen Erwartungen zuwiderlaufen, an denen ich aber nichts ändern kann? Von diesen Dingen gibt es mal mehr und mal weniger viele in meinem Leben. Manche davon sind wichtig und manche davon eher unwichtig. Ihnen geht es da vermutlich nicht grundlegend anders. Diesen Unterschied zwischen unseren Erwartungen und dem tatsächlichen Erleben müssen wir Menschen alle aushalten.

Ignatius von Loyola hat schon vor rund 500 Jahren empfohlen, dass wir uns gegenüber allen Dingen indifferent machen. Wir sollen uns also das eine nicht mehr als das andere wünschen. Für Ignatius geht es dabei nicht nur ums Wetter, sondern um so große Dinge wie Gesundheit oder Krankheit, Reichtum oder Armut und ein langes oder kurzes Leben. In Zeiten einer Pandemie ist das ein ziemlich hoher Anspruch. Ich möchte deshalb bei den ganz alltäglichen Situationen bleiben, in die ich gerate. Wenn ich schon mit dem Regenwetter solche Schwierigkeiten habe, wie soll ich dann bei den großen Dingen indifferent sein können?

Üben, was ich (noch) nicht kann

Ich vermute, dass bei der Indifferenz eine große Portion Übung den Weg weist. Ich kann nicht einfach indifferent sein, nur weil ich mich dafür entscheide. Ich muss diese Indifferenz einüben und das immer und immer wieder und in jeder Situation neu. Dieses Üben schärft gleichzeitig das Bewusstsein für meine Entscheidungsfreiheit. Wie sieht mein Spielraum tatsächlich aus? Mein Termin am Montagmittag war nicht unwichtig und dennoch hätte ich mich anders entscheiden können.

Sich dabei das eine nicht mehr zu wünschen als das andere, bedeutet für mich nicht, dass alles egal ist. Denn es macht durchaus einen Unterschied, ob ich mit nasser oder trockener Hose bei meinem Termin erscheine oder ob ich einen Termin wahrnehme oder verschiebe. Genauso macht es einen Unterschied, ob ich gesund oder krank, reich oder arm bin. Und auch die Länge meines Lebens macht einen Unterschied. Das Einüben der Indifferenz schärft aber mein Bewusstsein für meine Wirkmächtigkeit. Worauf habe ich wirklich Einfluss?

Beim Üben hilft mir ein Gebet des US-Amerikaners Reinhold Niebuhr aus den 1940er-Jahren: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Zwei Stunden nach meinem Termin schien am Montag übrigens wieder die Sonne.

Ulf Günnewig, Dekanatsreferent im Katholischen Stadtdekanat Mannheim

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