Mannheim

Soziales Ökumenische TelefonSeelsorge Rhein-Neckar vermeldet starken Anstieg während Lockdowns / Großteil der Anrufer sind Alleinstehende

Angst vor der eigenen Einsamkeit

Archivartikel

Plötzlich einsam – das können sich viele am Anfang nicht eingestehen, weiß Elke Rosemeier, eine der beiden Leiterinnen der Ökumenischen TelefonSeelsorge Rhein-Neckar in Mannheim. „Bei uns rufen Menschen an, die zum ersten Mal überhaupt spüren, dass sie sich unglücklich und allein fühlen“, sagt die Pfarrerin. Seit der Pandemie vermeldet die Leiterin in Mannheim einen Anstieg der Anrufe sowie der Chat- und E-Mail-Beratung.

Die TelefonSeelsorge ist ein kirchlicher Dienst, den die Evangelische und die Katholische Kirche gemeinsam anbieten für alle Menschen, unabhängig von deren Religion und Konfession. Die Gespräche sind vertraulich, die Anrufe kostenfrei. Hauptberuflich leiten den Dienst die evangelische Pfarrerin Elke Rosemeier und ihre katholische Kollegin Diana Beetz.

Wer also sind die Anrufer, die sich mitteilen wollen? Ein Großteil seien Alleinstehende, aber nicht nur Ältere. Neu hinzugekommen seien junge Menschen sowie Frauen und Männer mittleren Alters, die vor der Pandemie und dem Lockdown ein erfülltes Leben hatten, mit aktivem Freundeskreis und zahlreichen Hobbys. „Früher gab es für diese Menschen keine Gelegenheit, darüber nachzudenken. Jetzt fallen Treffen mit Freunden weg, das Feierabendbier mit Kollegen, gemeinsames Trainieren im Fitnessstudio“, erklärt die Pfarrerin. Wer eine der beiden Telefonnummern wählt, die durchgängig rund um die Uhr besetzt sind, erreicht sorgfältig geschulte Zuhörende. Das ehrenamtliche Team von derzeit rund 160 Frauen und Männern teilt sich den täglichen 24-Stunden-Dienst in drei Schichten auf. „Wir geben keine Empfehlungen“, betont Rosemeier, „Wir hören aktiv zu und versuchen auszuloten, um was es den Anrufenden geht“.

Das gemeinsame Hinschauen sei wichtig. „Allein schon auszusprechen, dass man sich verzweifelt, allein und unglücklich fühlt, hilft sehr und ist der erste Schritt.“ Die Zuhörer raten den Anrufern und Anruferinnen auch, selbst aktiv zu werden, etwa im Wald spazieren zu gehen, Leute auf der Straße zu grüßen oder selbst andere anzurufen, die auch alleine leben und nachzufragen: „Wie geht es dir eigentlich?“ Viele seien in einer Grübelschleife gefangen. Mit jemandem überhaupt darüber zu sprechen helfe, den Tunnelblick abzulegen, so Rosemeier.

Was Anrufer am meisten bewegt

Was die Anrufer in Pandemiezeiten am meisten bewegt? Vor Weihnachten hatte viele die Frage des Zusammenfeierns beschäftigt und die Angst, die eigene Familie anzustecken oder selbst dadurch zu erkranken. Viele hätten sich auch nicht getraut, ihrer Familie eine Absage zu erteilen, um so eine Ansteckung zu vermeiden. Zwischen den Jahren treibt die Anrufer die Sorge um, wie es nach dem Lockdown weiter geht. Neben Existenzängsten gibt es auch die Angst davor, die Miete nicht mehr bezahlen zu können. Ihre Sorgen und Nöte überhaupt mitzuteilen, ist trotz allem für viele eine Hürde. Sich selbst und dem Freundeskreis einzugestehen, dass man einsam ist, eine noch viel Größere. „Die meisten denken, sie sind die Einzigen. Dabei geht es vielen so, bei denen man es gar nicht vermutet“, sagt Rosemeier. Ein Anruf bei der Telefonseelsorge mache es auch möglich, sein Herz ganz anonym auszuschütten.

Die TelefonSeelsorge ist auch in der Silvesternacht und an den Feiertagen rund um die Uhr erreichbar unter den Nummern: 0800/1 11 01 11 und 0800/1 11 02 22. Auf der Webseite www.telefonseelsorge-rhein-neckar.de gibt es zudem eine Chat- und Emailberatung. 

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