Mannheim

Anklage gegen früheren Wachmann des KZ Auschwitz

Stuttgart.Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat Anklage gegen einen 94 Jahre alten ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau erhoben. Ihm wird Beihilfe zum Mord in 13 335 Fällen zur Last gelegt, wie ein Sprecher am Montag mitteilte. Der Angeklagte, der im Raum Mannheim lebt, habe als SS-Angehöriger von Dezember 1942 bis Januar 1943 durch seinen Wach- und Bereitschaftsdienst den Lagerbetrieb und damit die Vernichtungsaktionen unterstützt.

In dem Zeitraum seien mindestens 15 Transporte eingetroffen, bei denen die Menschen gleich nach ihrer Ankunft nach ihrer Arbeitsfähigkeit sortiert worden seien. Nach Auffassung der Anklage wurden 13 335 Menschen als nicht arbeitsfähig eingestuft und dann in den Gaskammern in Auschwitz-Birkenau getötet. Auschwitz steht als weltweites Symbol für den nationalsozialistischen Judenmord.

Über seine Verteidigerin erklärte der Mann, dass ihm die Hintergründe, die Zielrichtung und der Ablauf des Tötungsgeschehens nicht bekannt gewesen seien, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Für den möglichen Prozess ist das Landgericht Mannheim zuständig. Es muss zunächst über die Zulassung der Anklage entscheiden. Außerdem muss geklärt werden, ob der Mann verhandlungsfähig ist. Die Anklage erfolgte vor einer Jugendkammer, weil der mutmaßliche NS-Verbrecher damals 19 Jahre alt war. Er sei ab Oktober 1942 als Wachmann eingesetzt worden, teilte die Staatsanwaltschaft weiter mit.

Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, sagte: "In einer Welt, in der das Wissen um Auschwitz immer mehr erodiert, wird dieser Prozess vor allem jungen Menschen wichtige Informationen darüber vermitteln können, wie ein junger Mensch in das Räderwerk einer Todesfabrik gerät und sich an dieser Mordmaschinerie beteiligt." Gerade in der gegenwärtigen Situation einer vielfach wachsenden antisemitischen Grundstimmung könne das Verfahren ein Zeichen der Warnung und Erinnerung sein. In Auschwitz-Birkenau wurden über eine Million Menschen ermordet, zumeist Juden.

„Vor allem für die Überlebenden der Schoa und ihre Nachfahren ist es wichtig, dass eine Form später Gerechtigkeit versucht wird", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, dem "Mannheimer Morgen". "Fast alle Überlebenden leiden bis heute an den Folgen der Misshandlung, während sich die Täter nach dem Krieg oft gut arrangieren konnten oder sogar später Rente bezogen. Daher darf auch vor Gericht kein Schlussstrich gezogen werden, sondern die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Solche Verfahren führen zudem unserer Gesellschaft vor Augen, wozu Menschen fähig. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte und lehrreich auch für heutige Generationen.“

Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg führt aktuell noch rund ein Dutzend Vorermittlungsverfahren gegen mutmaßliche NS-Täter. Im vergangenen Jahr seien 30 Verfahren an verschiedene Staatsanwaltschaften abgegeben worden, sagte der Leiter der Ermittlungsbehörde, Jens Rommel. (dpa/mig)

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