Mannheim

Erinnern Augenzeuge erlebte das brutale Wüten der Nazis

Ans Feuer gedrängt

Auch 80 Jahre nach den Novemberpogromen ist die Erinnerung unseres Lesers Werner Finzer aus Bensheim an die brutalen Übergriffe der nationalsozialistischen Schlägertrupps noch sehr lebendig. Dankenswerterweise teilt er seine erschütternden Erlebnisse aus dem Jahr 1938 in einem Brief an die Redaktion mit uns.

Finzer erlebte damals als Zehnjähriger auf dem Schulweg, wie im Mannheimer Stadtteil Feudenheim der jüdische Inhaber einer Pferdemetzgerei abgeführt wurde. „Wahrscheinlich hatten die SA- und SS-Männer den Juden in dem Zustand, wie sie ihn im Haus vorfanden, auf die Straße getrieben“, erinnert sich Finzer an die Szene.

Aus dem Bett abgeführt

Der nur leicht bekleidete Mann, der wegen seines hohen Alters Schwierigkeiten beim Gehen hatte, wurde von den Uniformierten über die Hauptstraße gedrängt und dabei fortwährend geschubst.

„Der harte, unbarmherzige Umgang mit dem alten, hilflosen Juden, der in meinen Augen ein Mensch wie jeder andere auch war, weckte Mitleid in mir, und ich war böse auf die Männer in Uniform mit ihren Schildmützen und Stiefeln“, beschreibt Finzer sein Empfinden. Der Schuljunge folgte den Männern. Der Trupp bog in die Neckarstraße ein, sein Opfer weiter vor sich hertreibend. Ganz in der Nähe von Finzers Schule brannte es – vor der Synagoge Feudenheims. Mitten auf der Straße loderte weithin sichtbar ein großes Feuer, das die Nazis stetig mit dem Inventar der Synagoge nährten.

Der betagte Metzger wurde nun in die Nähe der Flammen gedrängt, so berichtet es Augenzeuge Werner Finzer. „Die Nazis drückten den alten Mann immer wieder von hinten gegen das Feuer. Ich hatte den Eindruck, sie wollten ihn ins Feuer schieben und ebenfalls verbrennen“, berichtet Finzer. Der damals Zehnjährige bekam Angst, wandte sich ab und ging zur Schule.

Bei einem Besuch der Familie Finzers bei seinen Großeltern in habe es dann nur ein Thema gegeben: die brutale Zerstörung jüdischer Geschäfte in der Innenstadt. „Es wurde ganz leise gesprochen, damit nichts nach außen dringen konnte.“ Jederzeit bestand die Gefahr, denunziert und selbst zum Opfer zu werden.

Sein Opa schließlich zog den jungen Werner Finzer zu sich heran, schaute dem Schuljungen in die Augen und sagte: „Für die heutigen Gräueltaten an den Juden wirst du, lieber Bub, noch büßen müssen!“ Es ist ein Satz, den sich Werner Finzer noch oft in Erinnerung rufen sollte – vor allem in jenen harten Kriegsjahren, in denen er wie viele seiner Altersgenossen als Flakhelfer der Hitlerjugend im Militärdienst herangezogen wurde. gna

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