Mannheim

Apostel sein!

In unseren katholischen Kirchengemeinden steht im nächsten Monat die Wahl der neuen Pfarrgemeinderäte an. Sicherlich haben Sie schon hier und dort davon gehört oder eines der Plakate mit der Frage „Wie sieht’s aus?“ gesehen. So war ich in den zurückliegenden Wochen mit vielen Menschen im Gespräch: zum einen auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die bereit sind, sich für unsere Kirche zu engagieren. Zum anderen haben mich einige Kandidaten darauf angesprochen was denn ihre Aufgaben, ihr Platz im Pfarrgemeinderat sein könnten.

Nun sitze ich vor dem fertigen Stimmzettel für unsere Kirchengemeinde und stelle mir die Chancen vor, die diese Vielzahl von Charakterzügen und Talenten einer jeden einzelnen Person mit sich bringt. Aber gleichzeitig stelle ich mir auch viele Fragen: Welche Wege werden wir wohl in unserer Gemeinde, ja in der ganzen Erzdiözese in den nächsten fünf Jahren und darüber hinaus gehen? Sind wir offen und gespannt für neue Ideen und Richtungen? Oder geben wir den Kandidaten unsere Ansichten vor, weil wir in einer Zeit, in der sich innerkirchlich so viele Strukturen ändern, auf dem beharren wollen, was uns bisher sicher war? Lassen wir ihre Berufungen zu oder berufen wir uns auf Bewährtes?

Bestimmung als Mönch

Ich muss wirklich sagen, dass mich das gerade sehr beschäftigt. Charles de Foucauld, Mystiker und Eremit, gibt mir in meine Fragen hinein eine erstaunlich klare Antwort. Nach einer ausschweifenden Jugend, Militärdienst und Erkundungsreisen durch Marokko erlebt er mit Anfang 30 einen Wendepunkt in seinem Leben und findet als Mönch, später als Priester in der Wüste seine Bestimmung.

Sein Wirken erstreckt sich über Akbès in Syrien, Nazaret, das algerische Béni Abbès, bis zu den Tuareg in den Hoggar – um nur einige Stationen zu nennen. Sein Ziel war es jedoch nie, auf andere missionarisch Einfluss zu nehmen: „Ich bin nicht hier, um die Tuareg zum Christentum zu bekehren, sondern um zu suchen, sie zu verstehen.“ So formulierte es seinerzeit Charles de Foucauld. In einem seiner Briefe an Louis Massignon schreibt er etwas zum Thema Berufung, das mich sehr begeistert: „Ich habe keine Ahnung, wozu sie Gott im Besonderen beruft. Ich weiß aber sehr gut, wozu er alle Christen beruft, Frauen und Männer, Priester und Laien, Ehelose und Verheiratete: Apostel zu sein. Apostel durch ihr Beispiel, durch Güte, durch wohltuenden Umgang, durch Zuneigung, die wieder Zuneigung weckt und zu Gott führt. Apostel, sei es wie Paulus, sei es wie Priszilla und Aquila. Allen alles werden.“

Das Evangelium leben

Jeder von uns ist dazu berufen, Apostel zu sein, Verkündigung in Wort und Tat zu leben und somit allen alles zu werden: die helfende Hand, der begleitende Fuß, die Schulter zum Anlehnen, das wachsame Auge, das hellhörige Ohr, die lobpreisende Stimme, der segnende Mund. Allen alles werden, ob Ehren- oder Hauptamtliche, Frau oder Mann, Kind oder Greis. Jeder von uns ist in seinem Christsein persönlich in die Nachfolge Jesu berufen: Zeugnis zu geben für einen Mensch gewordenen Gott. Und noch eine Aussage Foucaulds gibt mir Antwort auf meine Fragen: „Es gehört zu deiner Berufung, das Evangelium von den Dächern zu rufen, nicht durch dein Wort, sondern durch dein Leben.“

Thorsten Gut, Seelsorgeeinheit Hockenheim

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