Mannheim

NS-Verbrechen Landtagspräsidentin zu Besuch bei KZ-Gedenkstätte Sandhofen / „Das Thema ist eine Herzensangelegenheit von mir“

Aras beeindruckt von Aufarbeitung

Das Konzentrationslager Natzweiler liegt weit entfernt im Elsass. Und doch ist es ganz nah: In Sandhofen existierte ein Außenlager, das erst im Herbst 1944 eingerichtet wurde und in dem mehr als 1000 polnische KZ-Häftlinge untergebracht waren. Über das Leiden und Sterben der vor allem in der Rüstungsindustrie eingesetzten Zwangsarbeiter existieren etliche Forschungsarbeiten. Nun hat sich Marco Brenneisen in seiner Doktorarbeit mit der „zweiten Geschichte“ der Außenlager beschäftigt.

Häufige Besuche

Am Mittwochabend fand im Marchivum dazu eine Podiumsdiskussion mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) statt: „Das Thema ist eine Herzensangelegenheit von mir. Unsere Verfassung ist ein in Artikel gegossenes ,Nie wieder!’ als Reaktion auf die NS-Zeit.“ Einen „Schlusstrich“ dürfe es bei der Erinnerung an die Zeit nicht geben, sie selbst besuche viele Gedenkstätten: „Was mich beeindruckt, ist das ehrenamtliche Engagement!“

Aras wurde vor der Veranstaltung vom Leiter des Marchivum, Ulrich Nieß, durch die Einrichtung geführt. Dabei erklärte er, dass im Bombenkrieg viele Zwangsarbeiter Opfer wurden. Sie mussten bei Angriffen in ihren Baracken bleiben, nur Deutsche durften in die Bunker.

Autor Brenneisen erklärte vor rund 50 Besuchern, dass es verschiedene Erinnerungskulturen gebe, die lokal unterschiedlich seien. Dies hänge auch damit zusammen, wer die Initiative dazu ergriffen habe – in der Regel seien es konfessionelle und politische Initiativen oder Jugendgruppen gewesen. Dies sei vor allem in den 1980er Jahren geschehen, so Brenneisen– oft gegen großen Widerstand, denn sowohl Politiker als auch Bürger hätten wiederholt Gedenkprojekte blockiert.

Der Historiker betonte: „Vom Lager in Sandhofen wussten alle.“ Der Widerstand gegen ein Gedenken habe abgenommen, als die Initiativen Überlebende der Lager eingeladen hätten. „Damit wurde alles greifbarer“, sagte Brenneisen.

Eher Gedenken an Franzosen

Laut Professor Philipp Gassert von der Universität Mannheim ist bei der Erinnerungskultur interessant, dass in der Region deutlich häufiger an französische Opfer erinnert wurde, an Menschen aus Osteuropa seltener. Professorin Angela Borgstedt betonte, dass dies auch mit den unterschiedlichen Besatzungsmächten zusammenhänge. Beispielsweise hätten die Franzosen mit Heldengedenken auf Friedhöfen angefangen, viele Landsleute waren Zwangsarbeiter. In der Forschung hätten Historiker aus dem Ausland früh geforscht, viele mit jüdischem Hintergrund.

Wo stehen die Gedenkstätten heute? Laut Brenneisen sei die in Sandhofen „sehr gut aufgestellt, dort engagieren sich auch junge Leute“. Alle Parteien im Landtag seien sich einig, so Muhterem Aras, dass die Gedenkstätten finanziell gut ausgestattet sein sollen. So sei das Budget für laufende Kosten von 2011 bis heute von 200 000 auf 2,2 Millionen Euro erhöht worden.

Zum Thema