Mannheim

Architektur-Jury feiert Geburtstag

Archivartikel

Der Mannheimer Gestaltungsbeirat mit externen Experten besteht seit zehn Jahren. Rechtzeitig zur 50. Sitzung bringt die Stadt jetzt eine Broschüre heraus. Von Anke Philipp

Denken, planen und bauen: Gute Architektur ist meist Ergebnis eines ganzheitlichen Prozesses. Um mehr Qualität im Baubereich zu sichern, hat die Stadt 2010 einen Dreiklang mit Gestaltungsbeirat, Immobilienmanagement und Kompetenzzentrum geschaffen. Der Gestaltungsbeirat berät seitdem Stadt, Politik und Bauherren. Heute tagt er zum 50. Mal. Zum Geburtstag gibt die Stadt eine kostenlose Broschüre heraus.

„Stadt Bau Kultur“ lautet der Titel. 72 Seiten geben Einblicke in Daten und Fakten, Akteure und Bauprojekte. Büros- und Autohäuser, Lebensmittelmärkte, Wohngebäude, Klinikausbauten: Seit 2010 wurde in 50 Beiratssitzungen über 314 Projekte (25 Prozent öffentliche, 75 Prozent private) trefflich gestritten, ein Teil der Erkenntnisse hinterher öffentlich gemacht. In 141 Fällen legten die Bauherren anschließend ihre Pläne erneut den Fachleuten vor. Sachverstand, städtebaulicher Kontext, gescheite Grundrisse, Wirtschaftlichkeit und konsequente Durchführung sind Beurteilungskriterien. Fünf Experten, mittlerweile alles Nicht-Mannheimer, bewerten Vorstellungen und Pläne.

Teil neuer Strukturen

Zum ersten Gremium gehörten Prof. Carl Fingerhuth (Zürich), Prof. Manfred Hegger (Kassel) und die in Stuttgart arbeitende Architektin Jorunn Ragnarsdottir. Stadt und Architektenkammer hatten sie in die Runde berufen. Die Architektur-Jury komplettieren Winfried van Aaken und Andreas Kaupp, sowie Andreas Schmucker als Vertreter. Sie wurden von den Mitgliedern der Mannheimer Architektenkammer auf zwei Jahre gewählt.

Der Gestaltungsbeirat war von Anfang an Teil neuer Strukturen im Rathaus. Er ersetzte den sogenannten „kleinen Planungsbeirat“, der seit 1993 zur Beurteilung von Entwürfen tagte. 2010 nahm auch das Baukompetenzzentrum im Dezernat von Bürgermeister Lothar Quast seine Arbeit auf. Im Rathaus versprach man sich davon mehr Know-how fürs Planen und Bauen. Aufgabe war es, zwischen wirtschaftlichen Erwägungen und gestalterischen Ansprüchen den bestmöglichen Schnitt zu finden. Und was baulich passiert, den Bürgern nahe zu bringen.

Dreimal tagte der Rat zunächst hinter verschlossenen Türen. Dann wurde der Disput öffentlich geführt. Dafür setzte sich Carl Fingerhuth ein. Schließlich sei das Bauen ein öffentlicher Akt, ein Beitrag zur Stadt. Reden im stillen Kämmerlein reiche da nicht aus. Um Dinge zu bewegen, müsse man mitreißen, begeistern, mit Argumenten die Öffentlichkeit überzeugen. Das Bauen selbst – für den Professor ein gesellschaftlicher Auftrag. Generell sei man gut beraten, sinnlich-emotionale, ästhetische Qualitäten im Stadtraum zu beachten, die Identität sowie den unverwechselbaren Charakter eines Ortes zu wahren.

Das öffentliche Interesse an den Sitzungen hielt sich derweil in Grenzen. Nur wenige Bürger kamen zu den Treffen. Schlagzeilen produzierte der Krach um ein geplantes Porsche-Zentrum an der Autobahn A 656 bei Friedrichsfeld. Und auch der erste Entwurf für das neue Sportzentrum des TSV 1846 auf dem Gelände am Hans-Reschke-Ufer fiel bei der Präsentation im Rat durch. Auf heftige Kritik stieß der Neubau des Polizeipräsidiums auf dem Eckgrundstück in L 6. Öffentlich gestritten wurde zudem über ein neues, schließlich rekonstruiertes Barockpalais an den Planken in O 4,4.

2016 geriet der Expertenrat selber in die Kritik: der Gestaltungsbeirat habe sich als abschreckendes Gremium für Investoren und Bauherrn erwiesen, bemängelte die CDU im Gemeinderat und kritisiert bis heute steigende Kosten für Bauprojekte. Die Politiker drängten gar darauf, die Architektur-Jury abzuschaffen. Dagegen stemmten sich aber der Bund der Architekten (BDA) und die hiesige Architektenkammer. Sie fordern die Stadt auf, den Gestaltungsbeirat zu erhalten. Dieser sei längst ein „wichtiger Teil der stadtplanerischen und architektonischen Diskussion“ in Mannheim.

Spannende Diskussionen

So habe der Gestaltungsbeirat der Alltagsarchitektur einen Stellenwert gegeben, lobt Baubürgermeister Lothar Quast die Arbeit der „erfahrenen Mitglieder sowie die hervorragenden Vorsitzenden“. Die meisten Bauherren seien froh über die Beratung durch das Gremium. „Wir blicken auf spannende Diskussionen, Beiträge und Kritiken von sehr hoher Qualität und einem überaus großen Engagement bei der Gestaltung unseres Stadtbildes zurück.“

Der Stuttgarter Architekt Jörg Aldinger, bis jetzt Vorsitzender des Gestaltungsbeirates, betonte zu Beginn seiner Tätigkeit in einem MM-Interview: „Wir müssen Verdichtung und Lebensqualität in ein Gleichgewicht bringen. Nur dann ist eine Stadt langfristig lebenswert.“ Die Stadt dürfe nicht zur „Beute“ werden, sondern solle „Gemeingut“ für alle sein. Soziale Durchmischung, kulturelle Vielfalt, attraktive öffentliche Räume, vernünftige Mobilitätskonzepte, ökologische Integrität, nicht zuletzt ein attraktives und unverwechselbares Stadtbild – das waren für ihn Aspekte auf dem Weg zu guter Architektur.

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