Mannheim

Aufeinander aufpassen

Der 9. November wird in der Geschichte gerne als „Schicksalstag der Deutschen“ bezeichnet. Unterschiedliche Emotionen und Erinnerungen sind mit diesem Datum verknüpft: der Fall der Berliner Mauer 1989, die Reichspogromnacht 1938, der Hitlerputsch 1923 und die Novemberrevolution 1918. Die Geschichte zeigt, wie wir Menschen stets auf der Suche nach Freiheit und Sicherheit sind. Wir sichern unser Leben durch Geld, verbringen Zeit mit Menschen, die uns gleichgesinnt sind, bauen ein Haus, erlassen Gesetze, errichten Mauern und halten uns gefährliche Menschen vom Leib – wenn nötig mit Gewalt.

Und genauso wollen wir Freiheit für unser Leben. Wir wünschen uns größtmögliche Auswahl an Möglichkeiten, Gleichberechtigung und Freiheit, so sein zu dürfen, wie wir sind, wir fordern Meinungsfreiheit, Freiheit von Regimen und Terror sowie Freiheit von einengenden Gesetzen. Für Freiheit und Sicherheit gehen Menschen heute auf die Straßen, auf die Barrikaden oder ziehen in andere Länder ein: sei es in Hongkong für die Freiheit vor dem chinesischen Regime, sei es in Deutschland und weltweit für schärfere Klimagesetze, sei es die türkische Offensive in Syrien oder seien es die Flüchtlinge, die nach Europa fliehen.

Der Preis für Freiheit?

Wir kämpfen für Freiheit und Sicherheit – ob als Einzelner oder als Nation(enverbund) – und versuchen beides zusammenzubringen. Doch stattdessen bewegen wir, die Menschheitsfamilie, uns immer mehr auseinander. Die Gesellschaft ist zersplittert und gespalten. Wir kämpfen gegeneinander, grenzen uns ab und grenzen sie aus. Ist das der Preis von Freiheit und Sicherheit?

Ein komplett freies und sicheres Leben ist nicht möglich – nicht als einzelner Mensch in dieser Welt. Auch wenn ich in vielen Teilen meines Lebens bestimmen, gestalten, Einfluss nehmen und etwas beisteuern kann, so nimmt in weiten Teilen des Lebens meine Umwelt – das Leben und die Menschen um mich herum – auch Einfluss auf mich.

Der 9. November als Schicksalstag erinnert und ermahnt im Kampf um Freiheit und Sicherheit, dass wir als Menschheitsfamilie zusammengehören, dass niemand über dem anderen stehen darf, dass wir alle die gleiche Würde besitzen. Doch oft wird diese Würde angetastet: Menschen wird Leben aberkannt, Menschen wird Heimat und Schutz verwehrt, wir schauen über das Dasein eines Menschen hinweg. Als Kinder Gottes gehören wir ein und derselben Familie an. Unser Schicksal ist Menschsein: nicht Deutscher, nicht Amerikaner, nicht Topverdiener oder Arbeitssuchender, nicht Christ oder Muslim.

Was uns gemeinsam ausmacht

Doch statt Brücken zu bauen, reißen wir sie ein, bauen Grenzen und Mauern, um ja nichts mit den anderen Familienmitgliedern zu tun haben zu müssen. Damit niemand auf den Gedanken kommt, der andere gehört auch zu mir. Freiheit und Sicherheit entstehen dann, wenn wir zusammenhalten. Wenn wir zusammenhalten, was uns gemeinsam ausmacht: das Leben als Menschen. Am 9. November erinnere ich mich daran, wie Menschen zueinandergefunden haben, als Mauern gefallen sind und Menschen zum Leben befreit wurden. Ich hoffe für mich und alle Menschen, dass wir aufeinander aufpassen, dass niemand verloren geht in der großen Menschheitsfamilie.

Matthias Leis

Pastoralreferent der

Seelsorgeeinheit Süd

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