Mannheim

Russen in Mannheim Die in Mannheim lebenden Russen sind begeistert vom Erfolg ihrer Mannschaft / Hoffnung auf Schub für den Sport

Aufgeregt vor dem Viertelfinale

Birkensaft im Glas, Kaviar und Honigmelone auf den Tellern – wer Lisa Noe und ihre Familie besucht, kann die berühmte russische Gastfreundschaft auch mitten in Mannheim erleben. Zurzeit schwingt am Esstisch der Familie außerdem noch eine gewisse Euphorie mit. Denn nach dem überraschenden Einzug der russischen Nationalelf in das Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft, schwimmen viele Russen auf einer Welle der Begeisterung. „Auch wir in Mannheim sind aufgeregt und schauen gespannt nach Russland“, sagt Lisa Noe.

Die 44 Jahre alte Buchhalterin gehört zu den knapp 4500 Menschen in Mannheim, die aus Russland stammen oder auf andere Weise mit dem Land verbunden sind. Ob Russen, Deutschrussen oder in Mannheim geborene Kinder russischer Eltern – viele von ihnen fiebern dem Spiel am heutigen Samstag gegen die unbequemen Kroaten entgegen. Das ist in der Familie von Lisa Noe nicht anders. Ihr Mann Jürgen – ein Deutscher – arbeitet im IT-Bereich und ist aufgrund diverser Projekte ständig unterwegs. Nachdem die deutsche Mannschaft in der Vorrunde gescheitert ist, drückt er nun für die Russen beide Daumen.

Gute Gastgeber

Das Paar hat zwei Söhne – Andreas und Boris, auch sie sind gespannt. Die Prognose für das Spiel gegen Kroatien? „Ich denke, es gibt ein Elfmeterschießen. Und dann ist alles möglich“, sagt der zehn Jahre alte Boris und lächelt. Lisa Noe fühlt sich in diesen Tagen ihrer alten Heimat besonders nah. Vor allem aber wirkt die Frau, die seit etlichen Jahren in Deutschland lebt, ziemlich erstaunt. Etwa über den Aufstieg der russischen Mannschaft. Vor Wochen noch harsch in der Heimat kritisiert, sind die Spieler zu Lichtgestalten aufgestiegen. Noe, die wegen des Spiels heute selbst so aufgeregt ist, ist sich selbst ein Rätsel, wie sie kopfschüttelnd hinzufügt.

Sie weiß, die Probleme in der alten Heimat bleiben bestehen. In manchen Regionen ist die Armut sehr ausgeprägt und erst vor drei Wochen gab die Regierung – im Schatten der startenden Fußball-WM – bekannt, das Renteneintrittsalter solle steigen. „Dabei ist die Lebenserwartung in Russland ziemlich niedrig“, gibt Noe zu bedenken und legt die Stirn in Falten. Dennoch, Russland feiert seine Fußballer seit Wochen mit Autokorsos und Wodka. In Mannheim fallen die Fans der russischen Mannschaft bisher kaum auf. Sicher, nach dem dramatischen Sieg der Russen über die Spanier sollen einige russische Fans ausschweifend gefeiert haben. Bei Familie Noe jedenfalls herrscht eher friedliche Zufriedenheit.

Das gilt auch für Elena Rausch. Die Russin ist auf einen Besuch bei Lisa Noe vorbeigekommen. „Auch wenn ich seit 2007 in Deutschland lebe und mich als gut integriert bezeichnen würde – ich freue mich sehr für Russland“, sagt die 34 Jahre alte Frau, die bei der BASF arbeitet. Um die Euphorie im Land verstehen zu können, müsse man einen Blick auf die jüngere Geschichte Russlands werfen, sagt sie. „Nach dem Untergang der Sowjetunion brachen in vielen Städten und Gemeinden die Sportvereine und Klubs zusammen“, erzählt sie. Notorisch unterfinanziert, seien Kommunen und Vereine seit Jahren schlicht nicht mehr in der Lage, verrottete Stadien und Bäder zu renovieren oder Trainerpersonal zu engagieren. „Ich hoffe, dass die momentane Euphorie dazu beiträgt, dass Sport wieder eine stärkere gesellschaftliche Kraft in Russland wird“, sagt die studierte Lehrerin und Ökonomin. Darüber hinaus, so findet sie, präsentiere sich Russland als guter Gastgeber.

Das sieht Vladimir Grenz ähnlich. Allein im Besuch von Fußballbegeisterten aus aller Welt liege ein Wert an sich, sagt er. Der Russlanddeutsche hält heute dem russischen Team die Treue. „Ich werde mit Freunden das Spiel schauen“, sagt der 45-Jährige, der im Montagewerk eines Autobauers arbeitet. Wie bei Lisa und Elena spricht auch er mit einem rollenden „R“. Er geht davon aus, dass die Russen mit einer offensiveren Taktik gegen die Kroaten spielen. Ob er aufgeregt ist? Ja, etwas. Aber auch gespannt, was sich die Russen einfallen lassen. Dass, bei einem möglichen russischen Sieg die Fans hupend und mit der Fahne schwenkend durch die Straßen Mannheims fahren, kann er sich nicht vorstellen. Aber wer kann das schon wissen?