Mannheim

Organisationen 1833 gegründeter Verein für Naturkunde vor dem Aus? / Kein Nachfolger für den Vorsitzenden Gerhard Rietschel / Eigenes Museum nie verwirklicht

Auflösung steht auf der Tagesordnung

Archivartikel

Einer der mit Abstand ältesten Vereine Mannheims steht vor dem Aus: Dem Verein für Naturkunde, 1833 gegründet, droht die Auflösung, wenn sich bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung morgen Abend kein neuer Vorsitzender findet. Der 77-jährige Gerhard Rietschel, ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter der Stadt und seit 2006 an der Spitze, will nicht mehr kandidieren. Noch gibt es keinen Nachfolger, daher steht die Auflösung auf der Tagesordnung.

„Ich habe schon vor eineinhalb Jahren gesagt, dass ich aufhören will, ich bin auch nicht mehr der Jüngste“, erklärt Rietschel. Er habe das Thema „mehrfach angesprochen“, doch keinen Interessenten für die Aufgabe gefunden. „Es wird sich bei der Mitgliederversammlung zeigen, was Sache ist und wie es weitergeht“, so Rietschel: „Warten wir es ab.“

Optimistisch äußert er sich aber nicht. Die Zahl der Mitglieder, in den 1980er Jahren noch mit 250 beziffert, gibt Rietschel mit „etwa 78“ an. „Viele Angehörige werfen die Post einfach weg, statt uns zu unterrichten, wenn jemand gestorben ist“, bedauert er. Der Vorstand bestehe noch aus seinem Stellvertreter, Schriftführerin und Kassenwartin. Von denen wolle und könne aber niemand die Arbeit weiterführen. „Zuletzt habe ich viel alleine gemacht“, sagt er. Aber er wolle nicht seiner 1982 bis 2006 amtierenden Vorgängerin Gudrun Höhl folgen, die bis zu ihrem 88. den Verein führte.

„Ich werde nicht abtauchen“

Das Vortragsprogramm laufe zumindest bis Dezember weiter. „Auch wenn der Verein sich auflöst, werde ich nicht abtauchen, weiter aktiv sein“, versichert Rietschel: „Naturkunde-Angebote wird es weiter geben, sonst wäre das ja schade“, betont er. Schließlich gebe es weiter den Bezirksverein Mannheim-Heidelberg des Deutschen Naturkundevereins, gegründet 1949, wo er zweiter Vorsitzender ist. Dieser Verein bietet die Arbeitsgemeinschaften „Zoologie“, „Botanik“ und „Geologie“, ferner öffentliche Vorträge, Exkursionen und Wanderungen. Viele davon wandten sich bisher schon an Mitglieder beider Vereine, wurden zudem zusammen mit Abendakademie oder Reiss-Engelhorn-Museen organisiert.

Dennoch würde mit der Auflösung des Vereins für Naturkunde ein Stück Stadtgeschichte zu Ende gehen. Zu den Gründern gehörten Gewerbetreibende, Lehrer, Gastwirte und Bierbrauer, aber auch 13 vorrangig adlige Frauen wie Großherzogin Stephanie. Der erste, bis 1846 amtierende Vorsitzende war Oberhofgerichtskanzler Ernst Freiherr von Stengel (1770-1851) aus der berühmten kurpfälzischen Beamtenfamilie, Ehrenmitglied der Naturforscher Karl Friedrich Schimper (1803-1867), der den Begriff „Eiszeit“ prägte und die Entstehung der Alpen erforschte. Das geht aus Unterlagen im Marchivum hervor.

Ausstellung im Schloss

Ziel des Vereins war ursprünglich, die Überreste des einstigen Naturalienkabinetts des Kurfürsten Carl Theodor wieder zu einem Museum aufzubauen – ein eigenständiges Mannheimer Naturkundemuseum. 1757 hatte Carl Theodor ein „Kabinett natürlicher Seltenheiten“ eingerichtet, das auch nach seinem Umzug nach München 1778 zunächst im Mannheimer Schloss blieb. 1802, ehe das Schloss von den Wittelsbachern an die Badener fiel, holte Kurfürst Max Joseph es dann aber zu großen Teilen nach München. Die Reste der Naturaliensammlung aber übergab 1834 die großherzoglich-badische Verwaltung in die Hände des Vereins für Naturkunde.

1835 erwarb der Verein mit Hilfe der Stadt die naturkundliche Sammlung des Tabak-Kaufmanns Heinrich Vogt. Es folgten weitere Ankäufe, etwa 1917 die Sammlung des Malers Gabriel von Max. Gezeigt wurde das alles ab 1839 im „Großherzoglich Naturhistorischen Museum“ in sechs Sälen des Schlosses.

Lange favorisierten die Ehrenbürger Karl Reiß und seine Schwester Anna die Idee, ein eigenständiges Naturkundemuseum zu finanzieren. Allerdings änderte er 1913 überraschend sein Testament zugunsten eines Kunsthallen-Neubaus – ein erheblicher Rückschlag für den Verein. Das Zeughaus übernahm dann die Aufgabe. Nach dem Zweiten Weltkrieg fungierte der Verein als Förderverein der naturhistorischen Abteilung im Reiß-Museum, die Rietschel bis 2004 leitete. Inzwischen ging sie aber im Bereich Weltkulturen auf.