Mannheim

Corona-Krise In Stadtteilen mit vielen Zuwanderern kämpfen Sozialarbeiter um die Beachtung der Regeln – keine leichte Aufgabe angesichts von Sorglosigkeit

Aufrütteln als ein Gebot der Stunde

Archivartikel

Aufrütteln. Das ist jetzt im Jungbusch und den Stadtteilen mit vielen Zuwanderern das Gebot der Stunde. Viele Menschen, vor allem von Armut Bedrohte und diejenigen, die die Sprache nicht verstehen, hätten den Ernst der Lage noch nicht begriffen, berichtet Quartiermanager Michael Scheuermann. Er und die Mitstreiter im Gemeinschaftszentrum leisten derzeit Schwerstarbeit in Sachen Corona-Aufklärung. Es geht um Aktivieren – und darum, die Leute zum Mitmachen zu bewegen.

Dass dies bitter nötig ist, weiß Scheuermann seit einem Rundgang durch das Hafenviertel. Alles schien am Mittwochabend ruhig wie an einem Regentag. Von leeren Straßen war jedoch nichts zu merken. Das Leben ging munter weiter. Ein älterer Jugendlicher türkischer Herkunft berichtete ihm, die meisten seiner Freunde und die Community seien unbesorgt. Reaktionen reichten von „mir passiert doch nichts“ bis „wir können eh nichts machen“. Beim Rundgang informierte er Kinder auf Türkisch, sie sollten den Spielplatz nicht nutzen. Bei einigen hatte er Erfolg, bei vielen nicht. Auf dem Bolzplatz der Jungbuschhalle wurde weiter gekickt. Auf der Beilstraße spielten bulgarische Männer Karten und erzählten (ca. 30 Leute). Auf einem Betonpoller saß eine arabische Frau. Sie lächelte und sagte: „Schwierige Zeiten. Allah hat es in der Hand!“

Bei vielen der bulgarischen Zuwanderer sei die prekäre Lage noch nicht angekommen, sagt Scheuermann. Die einen hätten Angst, wie es weiter gehe. Die anderen lebten in den Tag, weitgehend unbekümmert nach dem Motto „Krise kommt, Krise geht“. Beim Bewohnerverein sorgt man sich derweil um die Kündigungen, die in der Reinigungssparte, im Gastronomiebereich und in sonstigen Einfachjobs eintreten könnten. „Die Leute brauchen Gesprächspartner und Sozialberatung“, so der Hilferuf.

Kurze Sätze, einfache Sprache

Immerhin: „Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen“ – Immobilienbesitzer Marcel Hauptenbuchner stundet seinen Kunden Gewerbemieten. An der Fatih-Moschee schreibt der 1. Vorsitzende am Schwarzen Brett: „Der Zusammenhalt und das Gefühl der Zusammengehörigkeit in unserer bunten, vielfältigen Gesellschaft wird mit dieser Epidemie auf eine harte Probe gestellt.“ Ein positives Zeichen kommt auch von Susanna, der Malerin, die ein Plakat vom Balkon hängt, mit dem sie die Bewohner warnen will.

Stadt, Ordnungsdienst und Polizei sind nun vor Ort, schauen nach dem Rechten – gestern Abend sogar mit dem Polizeipräsidenten. „Wir reden mit allen, die wir treffen, und gehen Hinweisen nach“, sagt Petar Drakul vom OB-Dezernat. Außerdem sei die Allgemeinverfügung der Stadt in alle möglichen Sprachen übersetzt worden. „Wir kommunizieren das gezielt in die Gruppen und werden von vielen unterstützt“, so Drakul. „Wir müssen vermitteln, dass es wirklich ernst ist“, sagt auch Scheuermann und meint: „Kurze Sätze, einfache Sprache, eindringliche Worte, am besten von Menschen, die Autorität haben und muttersprachlich unterwegs sind.“ Aufrütteln eben mit vereinten Kräften.

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