Mannheim

Stadtgeschichte Vor 125 Jahren kauft Mannheim die Friesenheimer Insel dem Dorf Sandhofen ab / Mühlenzentrum und Mülldeponie

Auftakt für schnelles Wachstum der Stadt

30 000 Mark hat sie gekostet, zu zahlen an die – damals noch – selbstständige Gemeinde Sandhofen: Vor 125 Jahren, am 1. Juli 1895, ist die Friesenheimer Insel zu einem Teil der Stadt Mannheim geworden. Damit beginnt eine Phase der Eingemeindungen, die Mannheim ein enormes Wachstum bringt und erst 1930 endet. Die Quadrate, die gerade entstehende Oststadt, der Lindenhof, die Arbeiterquartiere in der Neckarstadt – Neckarvorstadt genannt – und in den „Schwetzinger Gärten“ (Schwetzingerstadt): Größer ist Mannheim nicht bis 1895. Gerade 91 119 Einwohner zählt die 2348 Hektar umfassende Stadt, 1871 – bei der Reichsgründung – sind es gar erst 36 606.

Das zeigt aber auch: Mannheim wächst. Überall stößt es an seine Grenzen. „Eine Folge waren vielfach überbelegte Wohnungen, katastrophale hygienische Zustände und soziale Konflikte in den Arbeiterstadtteilen“, so Andreas Schenk, der Architektur-Experte des Marchivum. Es fehlt ebenso Gewerbefläche. Die Industrialisierung nimmt gewaltig Fahrt auf, zahlreiche Firmen entstehen, aber es gibt nicht genügend Platz – weswegen die 1865 gegründete Badische Anilin- & Sodafabrik im pfälzischen Ludwigshafen baut, weil es ihr im Jungbusch zu eng wird.

Tulla macht es möglich

Aber Johann Gottfried Tulla eröffnet Mannheim neue Perspektiven. Der Ingenieur, Leiter der badischen Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaues, begradigt den Rhein, bändigt auch den wild verlaufenden Neckar, sorgt für Sicherheit der Schifffahrt und das Austrocknen jener Sumpfgebiete, in denen sich nicht nur der bekannte Dichter Friedrich Schiller die Malaria („Sumpffieber“ genannt) holte.

1862 erfolgt der sogenannte „Friesenheimer Durchstich“ – der Altrhein wird abgetrennt, dem Strom ein gerade verlaufendes neues Bett gegeben. So entsteht eine Insel mit Flächen, die zuvor den Gemeinden Friesenheim und Oppau gehörten. Per Staatsvertrag zwischen Bayern (zu dem die Pfalz seinerzeit gehört) und dem Land Baden werden sie aber der badischen Gemeinde Sandhofen zugeschlagen.

Otto Beck, Mannheims Oberbürgermeister seit 1891, erkennt schnell, dass er die Quadratestadt nur zukunftsfähig machen kann, wenn sie weiter wächst. Er braucht Flächen für Industrieansiedlungen und will einen großen Hafen bauen – als Gegengewicht zu dem, was im Süden Mannheims passiert. Auf Neckarauer und Seckenheimer Gemarkung schließen sich 1895 mehrere Firmen zur „Rheinau GmbH“ zusammen, um in den dort im Zuge der Rhein-Korrektur entstehenden Altrheinarmen Hafenbecken anzulegen: den Rheinauhafen, der später dem Stadtteil seinen Namen gibt.

Vertraulich verhandelt Otto Beck ab 1892 mit dem badischen Innenministerium über Erweiterungsmöglichkeiten, speziell über die Friesenheimer Insel. Nachdem er davon erfährt, sperrt sich der Sandhofener Gemeinderat am 14. September 1892. Als das Land aber signalisiert, dass dies im „Staatsinteresse“ liegt, lenken die Sandhofener ein und erklären sich „unter gewissen Voraussetzungen“ bereit, in „Unterhandlungen“ einzutreten. Das bedeutet: Sie wollen Geld. Fast ein Jahr ziehen sich die Gespräche hin. Sandhofen fordert 100 000 Mark, Mannheim bietet 30 000 Mark – und diesen Betrag hält die badische Regierung für angemessen. Zum 1. Juli 1895 gehen die 717 Hektar in den Besitz von Mannheim über.

Fähre im Vertrag verankert

Zusichern muss die Stadt ferner, dass sie „ohne Anspruch auf Fährgeld“ eine Fähre für Personen und Fuhrwerke unterhält, „zur Abfuhr der Bodenerzeugnisse“ der Felder vieler Sandhofener Bauern auf der Insel. Die Fähre besteht bis heute.

„Die Insel ist damals komplett landwirtschaftlich genutzt und völlig unbebaut“, so Markus Enzenauer vom Marchivum: „Es gibt keinerlei Ansiedlungen.“ Das ändert sich aber schnell. Anfangs ist das noch zögerlich, beginnend mit einer „Droschkenfahrschule“ und einer von der Stadt 1916 bis 1928 betriebenen „Milchwirtschaft“ mit 200 Kühen.

Aber schon ab 1897 wird der Industriehafen angelegt, 1907 eingeweiht und zwischen 1900 und 1907 siedeln sich schon 71 Betriebe hier an. Darunter sind neun Großmühlen, dazu Lagerhäuser und Speicher, wodurch in Mannheim ein Viertel des deutschen Getreidehandels abgewickelt wird. Heute sind hier 800 Einwohner gemeldet – was aber daran liegt, dass in der Statistik das (inzwischen geschlossene) Flüchtlingsheim eingerechnet ist. 1963/64 wird auf der Insel die Erdölraffinerie mit zeitweise bis zu 83 riesigen Tanks angesiedelt, heute Tanklager und Produktionsstätte der BASF und mit drei Rohrleitungen, sogenannte „Düker“, unter dem Rhein hindurch mit Ludwigshafen verbunden. Zur gleichen Zeit entsteht das Heizkraftwerk mit Müllverbrennungsanlage.

Von 1956 bis 1963 nutzt Mannheim einen 28 Hektar großen Bereich als Mülldeponie, ergänzt um einen Bauschutthügel. „Monte Scherbelino“ nennen die Mannheimer den dadurch entstehenden „Berg“, heute begrünt und ein Refugium für viele Blumen-, Vogel- und Insektenarten. Und trotz aller Industrie gibt es hier auch wunderschöne grüne Flecken, etwa das Naturschutzgebiet „Weidenschlägel“ oder das Umfeld des Tierheims samt der über 100 Jahre alten Traditionsgaststätte „Dehus“, wo vom Chef selbst gefangener Fisch oder von ihm erlegtes Wild aufgetischt werden.

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