Mannheim

Geschichte Stadtbibliothek zeigt das historische Geschehen des Ersten Weltkriegs mit Schautafeln und einer App / Vermittelt durch Kriegsgräberfürsorge

Ausstellung über die „Urkatastrophe“

Auf seiner Facebook-Seite, so sagt es der CDU-Fraktionsvorsitzende Claudius Kranz in der Stadtbibliothek, sei er gefragt worden: Müsse die Schulddebatte deutscher Kriegsgeschichte nicht so langsam mal zu Ende sein? Die Antwort des Kreisvorsitzenden des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge könnte deutlicher nicht sein: „Vergessen würde bedeuten, die Katastrophen, die damals zu Weltkriegen führten, wegzuwischen. Erinnern dagegen bedeutet eine Arbeit für den Frieden. Wenn man weiß, wie die Geschichte einst ausging, weiß man, wie man heute handelt.“

Deutsche Erinnerungskultur

Auch 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs wirken diese Worte als Mahnmale, die es zu beachten gilt. Einer von vielen Gründen, aus denen die Bibliotheksleiterin Stefanie Bachstein nicht lange zögerte, als der Volksbund mit der Idee dieser Ausstellung an sie herantrat: „Der Erste Weltkrieg zieht bis heute seine Kreise in der Entwicklung Deutschlands und hilft uns, vieles zu verstehen. Wir freuen uns, dass wir diesem Angebot den richtigen Raum bieten können.“ Auf 18 Schautafeln, die die Jahre von 1914 bis 1918 mit Texten und Grafiken eindrucksvoll skizzieren, entsteht ein Prisma deutscher Erinnerungskultur. Beschreibende Texte, aber auch bewegende Fotos geben dem Betrachter die Chance, sich auch ein Jahrhundert nach Kriegsausbruch ein eigenes Bild der Dinge zu machen – und dabei auch kontroverse Deutungen dieser Zeit besser zu verstehen.

Wer durch die Reihen der Schautafeln wandelt, erlebt nicht nur einen wissenschaftlichen Abriss militärischer Details: Von der Ermordung des Großherzogs Franz Ferdinand über den deutschen Gasangriff auf Belgien 1915 bis hin zur Rolle von Künstlern in einer politisch schweren Zeit umrahmt die Ausstellung Krisenjahre, die der Volksbund in seiner Ausstellung sprichwörtlich als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ zusammenfasst. Und tatsächlich: Wer sich die Texttafeln genau durchliest und bemerkt, mit welcher Raffinesse US-Präsident Woodrow Wilson Europa mit dem 14-Punkte-Programm wieder in ruhige Zeiten lenkte, kann bestätigen, „dass so mancher Konflikt mit den Mitteln der heutigen Diplomatie schon früher zu lösen gewesen wäre“, wie es Claudius Kranz auf den Punkt bringt.

Auch Berthold Moser aus Hockenheim, dessen Großvater selbst im Ersten Weltkrieg diente, informiert sich über die einstige Weltpolitik und wie der Volksbund sie nach Kriegsende zu befrieden suchte. Über seinen Großvater schrieb er mit „Die Badischen 112er“ sogar ein eigenes Buch und zeigt sich „ganz fasziniert“ über diese Zeit, aus der man für die heutige Politik so viel lernen könne.

Direkt und persönlich kann man vieles auch in einer virtuellen App erleben, die der Volksbund mit dem Bundesarchiv programmiert hat. Mit „Lost Generation“ begibt man sich nicht einfach in eine von vielen Erklär-Plattformen auf dem Tablet-PC: Von Videos, Schriftstücken, Erklärungen und persönlichen Lebenskapiteln umrahmt, darf man in die Biografie von fünf Personen eintauchen und spüren, wie es etwa für den 13-jährigen Ernst Sachse war, mit 17 Jahren nach dem Schulabschluss den „Vaterländischen Hilfsdienst“ auf einem Landwirtschaftsgut anzutreten, der ihn – trotz frisch aufkeimender Liebe – schon bald an die Front zwingen wird.

Stefanie Bachstein: „Wenn von den bis zu 2000 Menschen, die jeden Tag hier herkommen, nur ein paar den Blick riskieren, hätten wir schon viel gewonnen.“