Mannheim

Mobilität Allein unter Männern – Bahnhofsmanagerin Andrea Kadenbach managt den Mannheimer Bahnhof und noch viel mehr

Bahnhofsmanagerin in Mannheim: Herrscherin über 146 Haltestellen

Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn verglich den Bahnstopp Mannheim einst mit einer Milchkanne und plädierte damit für dessen Umfahrung - Andrea Kadenbach kann dieser Einschätzung nichts abgewinnen. Und sie muss es wissen: Die Frau mit Kurzhaarschnitt und rot gefärbtem Pony ist seit gut einem Jahr Bahnhofsmanagerin in Mannheim - die einzige Frau in dieser Männerdomäne im Südwesten.

„Mannheim ist ein wichtiges Drehkreuz für den Fernverkehr von München und Basel in Richtung Köln, Hamburg und Berlin mit täglich 110 000 Reisenden“, erläutert sie. Störungen am nach Stuttgart größten Bahnverkehrsknoten Südwestdeutschlands hätten bundesweite Auswirkungen. Der Bahnhof wird von mehr als 600 Zügen täglich angefahren, davon knapp 200 im Fernverkehr. Kadenbach: „Daher tun wir alles dafür, dass der Betrieb reibungslos läuft.“

Vielseitige Aufgaben

Was sind die Aufgaben einer Bahnhofsmanagerin? Als Berufspendlerin aus Ettlingen bei Karlsruhe schaut sie schon bei der Ankunft in der Quadratestadt auf dem Bahnsteig nach dem Rechten, lässt sich vom Servicepersonal über Verspätungen, Kundenfragen und die momentane Stimmung informieren. „Die tägliche menschliche Ansprache ist für mich sehr wichtig“, sagt die Chefin von 120 Beschäftigten - von den Mitarbeitern des Fundbüros und des Info-Points bis hin zu den Technikern für die Aufzüge, Rolltreppen und Beleuchtung. Personalverantwortung trägt sie nicht nur in Mannheim, sondern auch in Heidelberg und Heilbronn. Im Südwesten hat sie fünf männliche Bahnhofsmanager als Kollegen.

Die Allianz Pro Schiene hatte den Mannheimer Hauptbahnhof neben dem in Weimar (Thüringen) zum Bahnhof des Jahres 2005 gekürt. Der Verein schätze die Kundenfreundlichkeit - Sauberkeit, Sicherheit, Anbindung an den Nahverkehr und eine Vielfalt von Geschäften - weiterhin hoch ein, sagt ein Sprecher.

Managerin Kadenbach ist Herrin über 146 Bahnhaltestellen von Mannheim bis kurz vor Würzburg und nach Süden über Vaihingen (Enz) bis kurz vor Stuttgart. Bei den kleinen Haltstellen muss sich die 51-Jährige mit den Fragen der Kommunen etwa nach Anzeigetafeln, Sitzgelegenheiten und Beleuchtung beschäftigen.

Wichtiges Thema für den Bahnhof ist und bleibt Corona. Häufiger werden Aufzugsknöpfe, Ticketautomaten und Handläufe nicht nur gereinigt, sondern auch desinfiziert. Auf den Toiletten ist das Händewaschen jetzt kostenlos. Mit der Maskenpflicht auf den Bahnsteigen und dem Gebot, den Schutz in der Bahnhofshalle zu tragen, hat Kadenbach bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht. „Die Leute zeigen Verständnis.“

Reparatur und Verschönerung

Kadenbach hat auch ein Auge auf mögliche Reparaturen und Verschönerungen des durch Glaskuppeln erhellten Gebäudes mit zahlreichen Läden und Imbissen auf zwei Ebenen. Langsam wird der Bahnhof auch immer stärker in die Vorbereitung der Bundesgartenschau 2023 in Mannheim eingebunden: Der Platz vor der wuchtigen Gebäudefassade aus dem Jahr 1876 erhält eine neue ÖPNV-Haltestelle, frischen Belag, Wartemöglichkeiten und mehr Grün. Die gebürtige Hessin liebt die Vielfalt des Jobs. „Kein Tag ist wie der andere.“ Um dem Spektrum aller Anforderungen gerecht zu werden, müsse man schon eine eierlegende Wollmilchsau sein. Unter den 46 Bahnhofsmanagern in Deutschland - darunter elf Frauen - seien zahlreiche Ingenieure. Diesen Weg hat Kadenbach nicht gewählt. Nach einem abgebrochenen Biologiestudium fand sie schnell zur Bahn und kletterte da die Karriereleiter aufwärts, bis sie im Mai vergangenen Jahres zur Herrin über alle Bahnhöfe auf einer Fläche von rund 15 000 Quadratkilometern ernannt wurde. Der Pfad an die Spitze führte über ein duales Studium bei der Bahn und zuletzt eine Führungsposition bei DB Regio als Teamleiterin Planung Steuerung Instandhaltung.

Tief beeindruckt hat die kinderlose Frau ihre mehrjährige Tätigkeit als ehrenamtliche Richterin am Sozialgericht Mannheim: Demut und Dankbarkeit über so elementare Dinge wie Wohnung, Gesundheit und Einkommen habe sie angesichts der dort verhandelten Schicksale gelernt. „Da wurde mir klar, wie privilegiert ich bin“, erzählt die schlanke Frau, deren Haartönung sich in Brille, Blazer und Schuhen wiederfindet.

Dass sie als Frau noch immer allein auf weiter Flur agiert, versteht Kadenbach nicht. „Eine Frau kann das ebenso gut wie ein Mann.“ Sie habe sich vor ihrem Amtsantritt ein bisschen Gedanken über etwaige Vorurteile der Kollegen gemacht.

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