Mannheim

Resozialisierung Ehrenamtliche Bewährungshelfer begleiten Straffällige / Einrichtung sucht Freiwillige

Begegnung auf Augenhöhe

Mannheim.An die erste Begegnung mit seinem Bewährungshelfer kann sich Marco T. (Name geändert) gut erinnern. „Ich habe mich geschämt“, sagt der 40-Jährige, „weil ich wusste, dass er meine Geschichte kennt.“ Eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz mit einer Bewährungszeit von zweieinhalb Jahren. Dieses Urteil des Amtsgerichts ist Marco T.s Geschichte.

„Aber ich wollte mehr erfahren“, berichtet Fred Reinhard, der Marco T. als Bewährungshelfer zugeteilt worden war: „Das ist ja nur ein Kapitel aus seinem Leben.“ Mittlerweile haben die beiden über viele weitere Episoden gesprochen: über T.’s Scheidung, die Sucht nach Alkohol, der Reiz des Kokains, die aufgetürmten Schulden. „Gerade“, so erzählt Reinhard, „reden wir über gesundheitliche Probleme, weil er Rückenschmerzen hat, nach der richtigen Behandlung sucht“. T. nickt kurz. Er lächelt. Und jetzt? Wie fühlt er sich heute, wenn er Reinhard gegenübersitzt? „Jetzt ist es normal. Wir erzählen uns alles mögliche. Das tut gut. Ich habe Vertrauen zu ihm.“

Besprechung im Team

„Optimal“, so beurteilt Reinhard den Verlauf der Treffen mit Marco T. – er kennt es auch anders. Seit vielen Jahren engagiert sich der 62-jährige Informatiker im Ruhestand in der ehrenamtlichen Bewährungshilfe. Zusammen mit 34 weiteren Freiwilligen deckt er die Gerichtsbezirke Mannheim, Weinheim und Schwetzingen ab. Reinhard ist einem Team zugeordnet, das von einem hauptberuflichen Bewährungshelfer geleitet wird. Alle Fälle werden einmal im Monat im Team besprochen, doch die Verantwortung für den Klienten trägt der Ehrenamtliche.

„Ganz wichtig ist Empathie“, findet Reinhard. Viele Verurteilte kämen mit Schuldgefühlen zum Erstgespräch, „manche können sie schon formulieren, andere tragen sie noch in sich“, sagt der 62-Jährige: „Ich bin nicht dafür da, sie zu moralisieren. Eher sehe ich meine Aufgabe darin, ihnen ihre Würde zurückzugeben.“ Der Weg zur Selbsterkenntnis sei das Ziel.

Marco T. saß in Untersuchungshaft. Sechs Monate lang. „Da hatte ich viel Zeit nachzudenken. Und irgendwann hat es dann ,Klick’ gemacht“, berichtet der 40-Jährige, „als ich rauskam, stand für mich fest, dass ich von vorne anfangen muss.“ Aber wie gelingt der Neustart? „Vorher hatte ich keinen Job mehr, ich habe täglich Kokain konsumiert, saß immer in Cafés herum“, berichtet Marco T. – dann kam die U-Haft, der Prozess, die Freilassung. „Jetzt lebe ich erst Mal bei meinen Eltern, gerade habe ich wieder angefangen zu arbeiten.“ Es gebe fünf Punkte, die gemeinsam angepackt und besprochen werden müssten, sagt Bewährungshelfer Reinhard: „Wohnsituation, Finanzen, Gesundheit, das soziale Umfeld und die Deliktbearbeitung.“ Themen, die nicht leicht über die Lippen gehen – „deshalb ist es wichtig, dass auch ich mich öffne“, weiß der 62-Jährige, „Persönliches von mir erzähle, von den Dingen, die mich beschäftigen. Ich glaube, das hilft, um den Klienten auf Augenhöhe zu begegnen.“

Etwa 80 Prozent der Straffälligen schließen die Bewährungszeit erfolgreich ab, das weiß Ute Engel, die in Mannheim die ehrenamtliche Bewährungshilfe leitet. Das liege auch an dem sehr engagierten Einsatz der Freiwilligen, betont sie. „Jeder macht das auf seine Art, und es hat sich bewährt, dass wir eine bunt gemischte Gruppe sind.“ Fred Reinhard möchte diese Aufgabe gern noch lange fortsetzen: „Es ist eine Bereicherung. Ich lerne viel über die Menschen und über das Leben.“

Und Marco T.? Wie sieht seine Zukunft aus? „Irgendwann will ich wieder eine Familie habe, in eine eigene Wohnung ziehen, gesund sein. Das würde mir reichen.“