Mannheim

Filmschätze Private Leihgaben oder Schenkungen dokumentieren viele Seiten der Bundesgartenschau 1975 in Mannheim – vom Hollanddorf bis zum Fernmeldeturm

Begeisterung auf Zelluloid gebannt

Archivartikel

„Begeistert“ schaut Désirée Spuhler auf einen Stapel von Metalldosen: „Eine Flut an Super-8-Filmen“ hat die Leiterin der Audiovisuellen Sammlung vom Marchivum erreicht. Unzählige Mannheimer haben 1975 ihre Erlebnisse bei der Bundesgartenschau auf Zelluloid gebannt und nach dem Aufruf in dieser Zeitung nun den Experten des Mannheimer Archivs zur Digitalisierung zur Verfügung gestellt. „Damit ist das Blumenmeer von 1975 konserviert und kann dank der Digitalisierung immer wieder aufleben“, so Spuhler. Zwei ganz besondere Beispiele zeigen wir heute.

Beide Filme sind völlig unterschiedlich – und doch ist eine Gemeinsamkeit spürbar: die Begeisterung für das, was die Menschen 1975 anlässlich der Bundesgartenschau in Mannheim erleben. Es liegt 40 Jahre zurück und damit in einer Zeit, als es nur drei Fernsehprogramme und kein Internet gibt, Fernreisen keineswegs alltäglich sind.

Plötzlich blühen 1500 Tulpen – und das im September, mitten im Herzogenriedpark. Da ist eine etwa sieben Meter hohe Windmühle aufgebaut als Herzstück eines kleinen Dorfes der „Hollandwoche“ im nördlichen Teil des Sportplatzes. Die Aufnahmen davon sind eine Leihgabe von Karl-Heinz Hedeman, der sie mit seiner Super-8-Kamera gedreht hat.

Er fängt all das ein, was den Mannheimern damals neu, spektakulär und ein bisschen fremd vorkommt, aber ihnen spürbar auch sehr sympathisch erscheint. Ein Maler dekoriert Delfter Porzellan, Käse, bunte Holzschuhe und Blumenzwiebeln werden angeboten, ganz flink „Poffertjes“ (niederländische Gebäckspezialität, die kleinen Pfannkuchen ähnelt) mit sehr viel Puderzucker bestreut und verkauft. Das geht alles noch ganz nah am Publikum, ohne den heute vorgeschriebenen „Spuckschutz“. Die von Kindern umringte „Frau Antje“ in Tracht mit weißer Spitzenhaube darf auch nicht fehlen.

Einem ganz anderen Thema ist der Streifen gewidmet, den Willi Fassot 1975 als Super-8-Film gedreht hat und über den das Marchivum nun dank einer Schenkung des Ehepaars Willi und Irma Fassot verfügt. Er hat ihn „Mannheim von oben“ genannt und den Fernmeldeturm in den Mittelpunkt gestellt. Mit 64 Pfählen elf Meter tief im Erdreich verankert, war er von 1973 an errichtet und zur Bundesgartenschau 1975 eröffnet worden. Sofort entwickelt er sich damals zur Attraktion.

Neckarufer-Bebauung fehlt

Willi Fassot steht erst am Boden, fährt mit der Kamera den Betonschaft des höchsten Gebäudes der Stadt entlang. Auf der Arbeits- und den drei weiteren Betonplattformen sieht man erst ganz wenige der vielen Antennen, wie sie später die Bundespost (heute Telekom) montiert.

Dann filmt er von oben aus die Umgebung. Man erkennt die Seebühne mit ihrem damals noch neuen, schönen, gelben Dach, dazu die Gondoletta auf dem Kutzerweiher sowie die Freizeitwiese. Er holt mit dem Teleobjektiv den Schriesheimer Steinbruch ebenso wie die Multihalle und das Riesenrad vom Herzogenriedpark näher heran, schweift dann über die Mannheimer Stadtteile im Osten, etwa Feudenheim mit dem charakteristischen Wasserturm sowie dem Bunker und die Hochhaussilhouette der Vogelstang. Auf dem Neckar ziehen gemächlich Frachtschiffe vorbei, Passagierschiffe haben angelegt.

Das Nationaltheater ist zu sehen, aber erst mit einem Bühnenturm – der zweite Bühnenturm über dem Schauspielhaus wird ja erst 1992/94 ergänzt. Fast anmutig schwebt parallel zur Kurpfalzbrücke der Aerobus über den Neckar.

Auffallend ist am nördlichen Neckarufer, das man dort nur den Backsteinbau der ab 1959 bezogenen Berufsschulen sieht – die ganze restliche Neckaruferbebauung Nord fehlt noch. Damit sind die Aufnahmen ein guter Beleg dafür, dass auch private Filme Entwicklungen der Stadtgeschichte dokumentieren – auch wenn das zunächst gar nicht Absicht war.

Info: Film und Dossier unter morgenweb.de/filmschaetze

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