Mannheim

Fachtagung Rund 600 Spezialisten tauschen sich ab heute zu Verletzungen an den Händen aus

Bei klaffenden Wunden hilft das Pflaster nicht

Der dreitägige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie (DGH) richtet sich im Rosengarten zwar an Ärzte und physiotherapeutische Spezialisten. Allerdings geht die Fachgesellschaft auch an die Öffentlichkeit – mit der Aktion „Schütz‘ Deine Hände!“. Die Kampagne kommt nicht von ungefähr: Jedes Jahr verletzten sich in Deutschland um die 300 000 Menschen beim häuslichen Sägen, Bohren, Hämmern sowie Schneiden und schädigen dabei besonders häufig die Hände.

Von einer oftmals „desaströsen Sorglosigkeit“ spricht Kongresspräsident Ulrich Kneser, Handchirurgie-Chef der BG-Klinik Ludwigshafen. Er und seine Kollegen wissen, dass allen Warnungen zum Trotz bei Tischsägen Schutzvorrichtungen abmontiert werden, Handschuhe nicht schnittfest sind oder zu Messern ohne verdeckte Klinge beziehungsweise automatischem Rückzug derselben gegriffen wird.

Neu: Das Hand-Trauma-Register

Die Botschaft der Experten lautet: Wenn eine Stich- oder Schnittwunde tief klafft – womöglich bis in den Bereich eines Gelenkes –, sich ein Gefühl der Taubheit einstellt, ein Finger nicht mehr bewegt werden kann oder Schmerzen attackieren, dann reiche nicht aus, die Wunde unter fließendem Wasser zu reinigen und ein Pflaster aufzulegen. „Schnellstmöglich zum Arzt oder ins Krankenhaus“, so der Rat.

Laut berufsgenossenschaftlicher Erhebungen ist zwar bekannt, dass 40 Prozent aller Arbeitsunfälle die Hand betreffen. Aber wie häufig und mit welchen Auswirkungen das komplexe Multifunktionswerkzeug bei Freizeitsport, Heimwerken oder Treppenstürzen geschädigt wird, kann allenfalls geschätzt werden. Deshalb initiierte die Fachgesellschaft im Frühjahr einen zentralen Datenpool, der von 35 zertifizierten handchirurgischen Traumazentren „gefüttert“ wird – ein Mammutprojekt. Das Hand-Trauma-Register, betont DHG-Vorstandsmitglied Andreas Eisenschenk, soll nicht nur die jeweilige Art und Behandlung von Handverletzungen dokumentieren, sondern auch zur Qualitätssicherung beitragen.

In dem Fach hat sich viel entwickelt: „Wir Handchirurgen operieren nicht nur“, erklärt Jörg van Schoonhoven vom Rhön-Klinikum Bad-Neustadt. Heutzutage gehe es auch darum, wie Eingriffe verhindert oder hinausgezögert werden können – sei es durch Schienen, Medikamente (beispielsweise Kortisonspritzen gegen Fingerarthrose ) oder gezielte Übungen bei Daumenschmerzen. Spezielle Ergo- oder Physiotherapeuten, sogenannte Handtherapeuten, sind in den Kongress einbezogen – auch mit Vorträgen. „Handchirurgen haben gelernt, dass zum Erfolg einer OP wesentlich die Nachbehandlung beiträgt“, betont der zweite Kongresspräsident Berthold Bickert, der an der linksrheinisch BG-Klinik auf Hand-Rehabilitation spezialisiert ist.

Das Tagungsprogramm spiegelt die Vielfalt des Faches: die Rekonstruktion und das Umlagern von Nerven, das Austüfteln von Hightech-Prothesen, mikrochirurgische Verfahren bei Amputationsverletzungen – sie gehören genauso zum Themenkatalog wie kindliche Fehlbildungen oder schwere Verbrennungen. Der Blick richtet sich auch in die Zukunft - verbunden mit der Hoffnung, schon bald Gewebe züchten zu können, beispielsweise eine Ersatz-Fingersehne.