Mannheim

Bilder im Kopf

Archivartikel

Ich war mit dem Fahrrad auf der Kunststraße Richtung Wasserturm unterwegs. Innerhalb von Sekunden erlebte ich Folgendes: Ein Radfahrer vor mir weicht durch ein waghalsiges Bremsmanöver gerade noch aus vor einer plötzlich sich öffnenden Autotür. Er dreht sich nach hinten um und schimpft. Rechts von mir tritt ein Paar zu seinem Auto, schließt auf und schüttelt den Kopf über die Flüche des Radfahrers. Mit spöttischer Stimme sagt der Mann zu der Frau: „David gegen Goliat.“

„Bloß gewinnt in der Bibel David“, denke ich beim Weiterfahren. Trotzdem auf den ersten Blick ein passendes Bild: der Radfahrer auf klapprigem Rad, den Witterungsverhältnissen ausgesetzt und ohne Knautschzone unterwegs. Wie David, der in der Bibel als einfacher Hirtenjunge beschrieben wird. Ihm gegenüber steht Goliat, der größte und stärkste Soldat des feindlichen Heeres. Ausgestattet mit Brustpanzer und Schild, von allen gefürchtet. Die Familienkutsche in der Kunststraße war zwar kein hochgerüstetes Kriegsgerät. Dennoch: Wie jedes Auto umhüllt von schützendem Metall, bei Regen trocken, bei Hitze klimatisiert. Auch gefürchtet. Jedenfalls warnen Eltern ihre Kinder: „Vorsicht! Hier fahren Autos.“

Im Internet kursiert gerade ein Video von einem Radfahrer, der auf einem jener halbherzig aufgemalten Radfahrstreifen – in Mannheim zum Beispiel auf Kunststraße, Marktstraße und Feudenheimer Hauptstraße zu bewundern – rechts am Fahrbahnrand fährt. Darin wird er mit äußerst knappem Abstand überholt und an die Seite gedrängt, bis er stürzt. Das Auto kommt ebenfalls zum Stehen. Der Radfahrer steht auf, stürmt zur Fahrertür, brüllt los. Die Tür öffnet sich, der Fahrer streckt die Beine hinaus, um auszusteigen. Da schlägt der Radler die Tür mehrfach wieder zu, gegen die Beine des Autofahrers. Ein Alptraum.

Ein anderer Vergleich muss her

In der Bibel begegnen sich David und Goliat im Krieg. Im Krieg! Auf unseren Straßen gibt es Konflikte, aber es herrscht kein Krieg. Auch wenn einzelne Interessengruppen es gern so darstellen. Etwas „Krieg“ zu nennen, verändert die Wirklichkeit. Mitmenschen werden zu „Feinden“, und es kann am Ende nur „sie“ geben oder „uns“. Das ist gefährlich und gottlos. Fahrräder und Autos sind nicht wie David und Goliat, nicht Feinde, die sich im Krieg gegenüberstehen. Es geht nicht um die Vernichtung des Gegners.

Wie wäre es damit: Fahrräder und Autos sind wie Jakob und Esau. In der Bibel sind sie Brüder, die sich von klein auf streiten. Jeder wirft dem anderen vor, bevorzugt zu werden. Die beiden geraten aneinander, immer wieder. Esau, der gerne draußen ist (das passt zum Fahrrad), wird vom Vater geliebt. Jakob, der sich gern drinnen aufhält, wird von Mutti gefördert – und erschleicht sich mit ihrer Duldung Vorteile durch Betrug. Esau sinnt auf Rache (wie mancher Radfahrer sich vielleicht freut, wenn Brücken und Hochstraßen gesperrt werden), Jakob flieht, die Brüder brechen den Kontakt ab. Lange sieht Jakob wie der Sieger der Geschichte aus, wird unglaublich reich. Doch eines Tages machen sich die Brüder auf, einander erneut zu begegnen. Beide sind reich gesegnet worden im Leben und schließen Frieden. Wie sich die Brüder versöhnen, erzählt die Bibel nur äußerst knapp. Da müssen wir uns selbst was einfallen lassen. In der Diskussion miteinander. Denn es ist kein Krieg. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe.

Anna Maria Baltes, Pfarrerin der Evangelischen Petrusgemeinde Mannheim

Zum Thema