Mannheim

Arbeitswelt Das Start-up ioxp nutzt die erweiterte Realität und bietet Brillensysteme als „digitale Handbücher“ an / Persönlichkeitsrechte des Nutzers sind geschützt

Blick durch die magische Linse

Archivartikel

Wenn Nils Petersen seine selbstgemachte Brille aufsetzt, wird er zu einem Superhelden. Okay, er ist vielleicht nicht ganz so stark, wie Green Lantern mit seinem magischen Ring oder Iron Man mit seiner rot-goldenen Rüstung. Aber eben doch auf seine eigene Art. Petersen hat eine Augmented-Reality-Brille auf dem Kopf und sieht Dinge, die der normale Mensch nicht sehen kann. Mit Zeigefinger und Daumen tippt in der Luft herum, schaut nach links, nach rechts, nach oben, navigiert geschickt durch das System.

In einem Raum im Gründerzentrum „Mafinex“ im Lindenhof wird seine Realität erweitert, seine Wirklichkeit mit etwas angereichert. Und genau das bedeutet Augmented Reality (AR). „Digitale Informationen werden ins Sichtfeld des Benutzers überlagert“, sagt Petersen. „Das kann mittels Brillen passieren oder in Form von Tablets oder Smartphones, quasi als magische Linse, durch die man in die Welt guckt.“ Inhalte erscheinen auf dem Brillenglas, aber im Gegensatz zu Virtual Reality – der virtuellen Realität – behält man den Durchblick. Mit AR soll die Welt verständlicher und damit das Leben leichter gemacht werden.

Schritt-für-Schritt Anleitung

Petersen ist der Geschäftsführer des Start-ups „ioxp“, dessen Name für „input and output of experience“ steht, also „für das kürzest mögliche Akronym für Wissenstransfer“, sagt er. Ihr Schwerpunkt? Die Industrie. Das Gründerteam – Jan Hirzel, Philipp Hasper, Alexander Lemken und Nils Petersen – kennt sich aus dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern. Die vier taten sich zusammen und wurden mit dem Exist-Forschungstransfer – ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie – grundfinanziert.

Im Februar 2015 zogen sie in Mannheim ioxp als Start-up auf. „Das haben wir ganz bewusst entschieden“, sagt Petersen. „Die Stadt ist zentral, hat eine gute verkehrstechnische Anbindung, hier haben wir die Nähe zum DFKI und die Industrie ist auch schon da.“ Seither bieten sie AR-Assistenzsysteme für die Industrie an – unter anderem auch hier in der Region. Ein Anleitungssystem, das Anweisungen direkt ins Sichtfeld des Benutzers per Datenbrille, Smartphone oder Tablet, einblendet – klingt kompliziert, ist es aber nicht: Das System lernt vom Video. Der Maschinenexperte führt den Arbeitsschritt einmal korrekt aus und filmt dabei per Datenbrille. Die Software geht im Nachhinein hin und benutzt Künstliche Intelligenz und Bildverarbeitungstechniken, um automatisch ein interaktives AR-Dokument daraus zu erstellen. Jemand anderes kann nun per Datenbrille oder Tablet die Inhalte abrufen und bekommt eine Schritt-für-Schritt Anleitung, wie der Arbeitsvorgang richtig ausgeführt wird. „Quasi ein Handbuch, das weitergegeben wird“, sagt Petersen. „Wenn ein Werker beispielsweise eine Wartungsarbeit durchführt, guckt er einem Experten digital über die Schulter und lernt komplexe Regeln nur durch Beobachtungen ab.“

Ioxp bietet das System nicht nur für die mobile Nutzung an (ioxp Companion), sondern auch als feste Installationsart (ioxp Station). Der industrielle Arbeitsplatz wird quasi zu einem „smarten“ Arbeitsplatz umgerüstet. „Die Station wird vor allem in der Produktion, Montage und Vormontage eingesetzt“, sagt Petersen. Wer auf seiner Arbeit viel unterwegs ist, also wie im Service oder der Instandhaltung, bekommt eine Brille oder ein Tablet.

Aus der Sicht des Benutzers kann man sich das so vorstellen: Wenn die Hand an der richtigen Stelle positioniert ist, leuchtet sie grün auf, wenn nicht, dann rot. Wenn eine Komponente an der richtigen Stelle montiert wurde, gibt es einen Haken, wenn nicht, blinkt ein rotes Kreuz auf. Das System erkennt nahtlos, ob die Ausführung korrekt war und führt den Nutzer automatisch zur nächsten Lerneinheit.

Arbeiter überflüssig gemacht?

Loslegen, ohne in Seiten zu blättern – das spart natürlich kostbare Maschinenlaufzeit. Hinzu kommt, dass Fehlerraten reduziert und komplizierte Anlernphasen verkürzt werden. Worauf das Spin-Off des DFKI besonders viel Wert legt, ist, dass die Persönlichkeitsrechte des Nutzers geschützt sind. Das System speichert keine Daten, nur der Träger selbst kann bestimmen, welche Arbeitsabläufe aufgenommen und damit gesichert werden und welche nicht. „Das ist für die Akzeptanz absolut notwendig“, sagt Petersen. „Es gibt keinen Knopf, über den sich der Chef oder die Personalabteilung einschalten kann.“ Sie sollen das System als Hilfestellung wahrnehmen, weder als eine Bedrohung, noch als verlängerten Arm des Vorgesetzten.

Ab und zu filmt Petersen für seine Mutter Handgriffe, wie man die Schnur der Nähmaschine richtig einfädelt. Aber einen Ikeaschrank mithilfe der magischen Linse aufzubauen – das funktioniert noch nicht. „Viel zu viele Bauteile“, sagt Petersen. „Grundsätzlich können wir jeden Arbeitsvorgang mit Anweisungen unterstützen, aber eben nicht immer mit derselben Interaktivität. Wir arbeiten daran.“

Der Generalvorwurf, dass die AR-Brillen irgendwann Arbeiter ablösen werden, hält Petersen auf gut Deutsch für Blödsinn. Das ioxp-System könne nur bei seltenen aber vorhersehbaren Vorgängen, wie zum Beispiel bei Kurzschlüssen, durch eine geführte Fehlersuche unterstützen. „Es ist doch so: Dinge, die unregelmäßig stattfinden, schlagen Arbeiter in dicken Leitz-Ordnern nach“, sagt Petersen. „Wir versuchen diese Ordner überflüssig zu machen. Aber im Endeffekt muss die Expertise des Facharbeiters zum Tragen kommen.“

Info: ioxp-Brille im Selbstversuch unter morgenweb.de/startup

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