Mannheim

Das Leben danach

Archivartikel

Die Pfingstferien gehen zu Ende. Gefühlt die Hälfte der Mannheimer ist in den Urlaub gefahren, wie immer an Pfingsten. Nur dass in diesem Jahr die Ziele andere sind: Harz, Spreewald, Bodensee und eben nicht Kanaren, Barcelona oder Provence. Was soll’s, ich arbeite, habe aber Zeit zu lesen. Mir fallen immer mehr Zeitungsartikel auf, in denen gefordert wird, nach Corona nicht einfach zum Leben vor Corona zurückzukehren. Das ist gut. Wir brauchen Veränderungen. Ich bin gespannt, ob unser Atem reicht.

Zwischen der Zeitungslektüre finde ich Zeit für eine kleine Erzählung. „Ein Leben mehr“ von Joyceline Saucier. Drei alte Männer hat es in die Wildnis Kanadas verschlagen: Ted, Tom und Charlie. Jeder hat eine eigene Hütte, sie leben in Beziehung zu einander, aber nicht zu dicht. Die drei sind kauzige alte Männer, die mehr als ein Leben bereits hinter sich haben. Sie haben einen Gesellen: den Tod. Er gehört irgendwie dazu. Sie sehnen sich nicht nach ihm, sie sind keine Zyniker und nicht morbide, aber alle wissen, dass er da ist und mehr oder weniger jederzeit seine Arbeit tun könnte.

Zu Beginn der Erzählung ist einer schon tot: Ted. An einem natürlichen Tod sei er gestorben, wie Charlie bedeutungsschwanger betont. Denn alle drei haben eine Dose mit Strychnin – falls eine Krankheit zu schlimm wird oder ein Unfall das Leben draußen unmöglich macht. Der Tod liegt auf der Lauer.

Wie ein Geschenk des Himmels

Nachdem Ted wider Erwarten friedlich im Schlaf gestorben ist, steht bald das gewohnte Leben auf dem Kopf. Eine zierliche alte Dame, die fast 90-jährige Marie-Desneige, verschlägt das Leben in die Wildnis. Tom und Charlie kommt sie wie ein Geschenk des Himmels vor. Die alte Dame ist zart wie ein Vögelchen und so gar nicht für die Widrigkeiten der Natur ausgerüstet. Ihr ganzes Leben hat sie in der Psychiatrie unter Aufsicht verbracht.

Tom und Charlie bauen ihr eine eigene Hütte, in der sie aber das Alleinsein nicht aushält und deswegen keine einzige Nacht darin schläft. Charlie und sie erleben eine späte Liebe. Es ist rührend, davon zu lesen. Marie-Desneige wird zum Mittelpunkt der Gemeinschaft. Und irgendwann bemerken Tom und Charlie, dass sie nicht mehr wie gewohnt über den Tod reden. Die Gemeinschaft mit Marie-Desneige hat etwas verändert. Der Tod liegt nicht mehr auf der Lauer. Er ist nicht verschwunden, aber er führt nicht mehr die Regie. „Ein Leben mehr“ ist die großartige Erzählung davon, dass Liebe und Veränderung keine Altersgrenze haben.

Warum ich das alles erzähle? Soll das hier nicht ein geistliches Wort sein? Jeder von uns weiß, dass das eigene Leben ein Ende haben wird. Dass es eine Grenze gibt. Die Corona-Krise macht es vielen zum ersten Mal deutlich. Was für ein Geschenk, wenn es Mächte oder Menschen gibt, die dazu befähigen und ermutigen – oder durch ihre pure Anwesenheit dazu anstiften –, das eigene Leben zu leben, zu lieben, die Gesellschaft zu gestalten und zu verändern.

Ich wünsche Ihnen, dass bei Ihnen persönlich und bei uns als Stadtgesellschaft solche Mächte und Kräfte einziehen wie Marie-Desneige bei den beiden alten Männern: völlig unerwartet, wie ein Geschenk vom Himmel, selbstbewusst und großherzig. Auf dass uns der Atem nicht ausgeht bei dem, was ansteht.

Maibritt Gustrau, Pfarrerin der EvangelischenChristusFriedenGemeinde

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