Mannheim

Religion Forderung der Jüdischen Gemeinde an Ditib-Muslime

"Dem Hass nachdrücklich begegnen"

Als "deutliches Signal" an Ditib-Muslime versteht Orna Marhöfer, langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, den Beschluss: "Ich erwarte als Mannheimerin, dass Ditib Mannheim sich deutlich von Äußerungen distanziert, die von Ditib allgemein getätigt werden", sagte sie dem "MM".

Im April hatte die Jüdische Gemeinde aufgrund antisemitischer Äußerungen von Ditib beschlossen, keine Einladungen mehr an Mannheimer Ditib-Muslime auszusprechen und - umgekehrt - auch keine anzunehmen (wir berichteten). Ditib ist der Dachverband der türkisch-islamischen Moscheegemeinden in Deutschland. Er untersteht dem Präsidium für religiöse Angelegenheiten in der Türkei. Diese Behörde ist dem Amt des Ministerpräsidenten angegliedert.

Nicht offiziell informiert

Bilal Dönmez, Vorsitzender der Ditib-Moschee Mannheim, erfuhr von diesem Beschluss rund fünf Monate später, wie er gestern sagte. Er habe erst jetzt, im Urlaub in der Türkei, die Berichterstattung im "Morgenweb" (5. Oktober) entdeckt. Seitens der Jüdischen Gemeinde sei er seit April nicht kontaktiert und informiert worden. Ihr Vorsitzender Majid Khoshlessan war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Dönmez war überrascht, als er vom Beschluss der Jüdischen Gemeinde las: "Das kann doch nicht wahr sein - ausgerechnet in Mannheim!", habe er sich gedacht. Mannheim bezeichnet er als Vorbildstadt für friedliches Miteinander. "Wir sind offen, alle sind herzlich eingeladen, wir führen den Dialog fort", sagte Dönmez weiter. Er sei sicher, dass alles gut werde.

Vom Dialog zum Trialog

Die Jüdische Gemeinde erklärte in einer Pressemitteilung, dass die Beziehungen zu Ditib Mannheim "immer hoffnungsvoll und gut" gewesen seien. Mannheim sei bundesweit ein Modell des interreligiösen Dialogs gewesen. Ihre Forderung an Ditib: "Ganz gleich ob sich in Facebook-Foren radikaler Hass offenbart oder antisemitische Stereotypen weitergetragen werden: Der subjektiv wahrnehmbaren Droh- und Hasskulisse durch reale Einzelfälle und Verschwörungstheorien, die sich aufbauen, muss deutlich wahrnehmbar und nachdrücklich begegnet werden."

Orna Marhöfer verdeutlicht, dass es in Mannheim Jahrzehnte gedauert habe, bis zunächst das Miteinander im Dialog mit den christlichen Kirchen und später im Trialog mit den Muslimen funktioniert habe. Das auch durch ihren Einsatz erreichte Miteinander sei "keine Selbstverständlichkeit und keine Augenwischerei". Man müsse es "immer wieder kritisch betrachten", sagt sie.

Marhöfer verweist auf antiisraelische Anfeindungen, die während des Libanon-Krieges 2006 offen in Mannheim ausgetragen worden seien. Damals habe die Jüdische Gemeinde eine "klare Positionierung der Trialogpartner" in Mannheim vermisst.

Die Jüdische Gemeinde habe daraufhin unter anderem alle Moscheen zum Gespräch eingeladen, um "miteinander zu reflektieren". Oberbürgermeister Peter Kurz habe im Anschluss alle Gesprächspartner noch einmal an einen Tisch gebeten. Aus diesem Treffen resultierte die "Mannheimer Erklärung" (2009), die von den Unterzeichnern als Wertegrundlage für ein "Zusammenleben in Vielfalt" verstanden wird.

Beschimpfungen auf Schulhof

Für Orna Marhöfer muss "das "Miteinander auch ein Füreinander sein". Die interreligiöse Zusammenarbeit bezeichnet sie als "stabil". Sie sagt aber auch, dass in vielen Bereichen Antisemitismus Alltag sei. So werde auf Schulhöfen "Jude" als Schimpfwort häufig gebraucht. Die ehemalige Vorsitzende hofft nun, dass es gemeinsame Gespräche gebe. Die Jüdische Gemeinde sei dazu immer bereit gewesen.

Dem Vernehmen nach trifft sich das Mannheimer Forum der Religionen kommende Woche in der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee. Zudem kündigte die Jüdische Gemeinde ein Gespräch mit dem Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga an.

Die Jüdische Gemeinde Mannheim hat rund 500 Mitglieder. Etwa die Hälfte kommt aus der ehemaligen Sowjetunion. Vor dem Zweiten Weltkrieg wohnten in Mannheim etwa 6000 Juden. Ein gesellschaftlicher Höhepunkt des Jahres ist der Frühlingsball der Gemeinde. Die Synagoge steht seit 30 Jahren in F 3.

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