Mannheim

Filmschätze Private Aufnahmen von einer Kundgebung mit Konrad Adenauer im Bundestagswahlkampf 1953 im Rosengarten

Der große Auftritt des Kanzlers

Als seine Limousine anrollt, stehen die Polizisten stramm, stellen die Beine eng zusammen, führen zackig die Hand an die Mütze zum militärischen Gruß – heute undenkbar. Doch so ist es auf Aufnahmen überliefert von einem Wahlkampfauftritt des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer am 1. August 1953 im Mannheimer Rosengarten. Sie zählen zu den historischen, aber bedrohten Filmschätzen, von denen wir jeweils einen jeden Donnerstag an dieser Stelle vorstellen.

Wer die Aufnahmen genau gedreht hat, weiß man heute leider nicht. Laut einer Notiz des früheren Stadtarchiv-Direktors Jörg Schadt vom 4. Dezember 1997 stammt der Film aus dem Besitz einer Privatperson, so Désirée Spuhler, die im Stadtarchiv die Film- und Tonsammlung leitet. Der frühere Bürgermeister Eckhard Südmersen habe ihn dann dem Archiv übergeben. Jetzt soll er digitalisiert werden.

Es sind bewegte Bilder aus den 1950er Jahren in Mannheim, wie es nur wenige gibt. Man sieht noch die Narben des Krieges und Baugerüste an den Fassaden. Man erkennt aber ebenso, wie viele Menschen an Fenstern und auf Balkonen stehen, zudem an den Straßenrändern, um den damals seit vier Jahren regierenden ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik zu sehen.

Er stellt sich, erstmals, der Wiederwahl. Die Umfragen sehen eigentlich nicht gut aus. Dass er später, bei der Wahl Anfang September, 45,2 Prozent für die Union erzielt, gar die Mehrheit der Mandate, und seine bisherige Koalition mit FDP/DP insgesamt ein glänzendes Ergebnis einfährt, kann er noch nicht wissen, als er nach Mannheim kommt. Er startet hier mit einer Kundgebung die heiße Phase des Wahlkampfs für Baden-Württemberg.

Zunächst sieht man in dem Film die „Wahlkampfmaschinerie“ – oder das, was man damals so nennt. Es handelt sich um einen VW-Käfer und drei VW-Busse, mit „Adenauer“-Schriftzug beklebt und Deutschland-Fahnen geschmückt. Sie tragen große Lautsprecher, werben für den Auftritt des Kanzlers.

„Stürmisch begrüßt“

Von Kradfahrern der Polizei eskortiert, rollt dann die lange Kolonne Adenauers an. Die beiden ersten Fahrzeuge haben vorne an der Karosserie Blinklichter, die ihnen freie Fahrt sichern, keine Blaulichter auf dem Dach. Die Limousine des Kanzlers trägt einen Stander, als wäre er in staatlicher Mission unterwegs – heute bei Fahrten zu Parteiveranstaltungen völlig ausgeschlossen. Im Mantel steigt er aus, schüttelt gleich zahlreiche Hände, darunter von Stadtrat und Bundestagskandidat Josef Maier, ehe er den Rosengarten betritt.

4000 Menschen, so heißt es in damaligen Quellen, verfolgen die Kundgebung. Sie findet im heutigen Musensaal statt, denn der Nibelungensaal ist im Krieg zerstört worden, den 1973 gebauten Mozartsaal gibt es noch lange nicht.

Aber der Musensaal ist ganz dicht besetzt. Von dessen Empore hängen Deutschland-Fahnen. Was auffällt: Es fehlen Frauen, die spielen damals in der Politik praktisch keine Rolle. Wenn die Kamera die Zuschauerreihen zeigt, sieht man praktisch nur Männer. Aber die Plätze reichen nicht. Die Rede des Kanzlers wird in die Wandelhalle und ins Freie übertragen. „Lebhaften Beifall“ habe es gegeben, notiert der Chronist damals, nachdem 4000 Zuhörer Adenauer „stürmisch begrüßt“ hätten.

Vehement wirbt Adenauer für die Einigung Europas, die notwendig sei, „unserem Kontinent in der Welt wieder zu Macht und Ansehen zu verhelfen“. Es ist eine Zeit der Unsicherheit, des Hoffens auf die deutsche Einheit und der Sorge, Deutschland könne isoliert sein in der Welt. Scharf greift der Kanzler den DGB an, der zur Wahl der SPD aufgerufen habe. Als „Staatsmann wie auch rein menschlich“ sei er davon „tief enttäuscht“, so der Redner, und dann folgt ein typischer Adenauer-Satz: Ein Wahlsieg der SPD wäre „ein kapitaler Sieg Sowjetrusslands“, denn sie bekenne sich nicht zur Wiedervereinigung Deutschlands. Das, so der Kanzler, sei aber doch „die für das deutsche Volk lebenswichtige Frage“.

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