Mannheim

Geschäftsleben Wissenschaftler aus Mannheim und Basel filmen beim Parfümexperten Reza Shari

Der „gute Riecher“ beeinflusst Gespräche

Mannheim.Unsere Körpersprache, die Mimik, Gestik und Haltung, aber auch Kleidung sind wichtige Faktoren der nonverbalen Kommunikation. Wissenschaftlern zufolge machen diese Mittel gepaart mit der Aussprache, der Stimmlage, Sprechgeschwindigkeit und Betonung einen sehr großen Teil des ersten Eindrucks einer Person aus. Hier „scannt“ der Mensch über Augen und Ohren sein Gegenüber. Aber was ist mit anderen Sinnen, die die Natur uns mitgegeben hat – dem Geruchssinn zum Beispiel?

„Bei den Neandertalern beispielsweise war dieser noch viel stärker ausgeprägt. Sie rochen quasi im Schlaf, wenn sich ein Tier näherte, Gefahr lauerte“, macht Reza Shari in Bezug auf die menschliche Entwicklung deutlich. Düfte sind nicht nur das Geschäft des gebürtigen Iraners und Herzblut-Mannheimers, sondern als Maître de Parfums seine Passion. Deshalb unterstützt er das Forschungsprojekt „Sprache, Körper und Sensorialität – int.Senses“, das unter anderem dem Geruchssinn auf den Grund geht. Dass dieser bei der menschlichen Kommunikation nämlich eine größere Bedeutung hat, als bislang angenommen, unterstrich unter anderem Professor Martin Wiesmann (Aachen) schon 2010 bei der Tagung der Gesellschaft für Neuroradiologie.

Das Riechen spielt im Forschungsprojekt „int.Senses“ eine große Rolle. Dabei untersucht ein Team unter der Leitung von Professor Lorenza Mondada von der Uni Basel (Schweiz) in Partnerschaft mit dem Institut für deutsche Sprache (IDS) in Mannheim – Professor Arnulf Deppermann und Team – sensorische Erfahrungen im Alltag und in institutionellen Aktivitäten, wie sie in einer Vielzahl sozialer Kontexte auftreten. Sprich: Welche Rolle nehmen Geruch, Geschmack und Berührungen für die menschliche Interaktion ein und wie können diese sichtbar gemacht und mitgeteilt werden? So fasst es Sofian Bouaouina von der Uni Basel zusammen, der am Samstag in Reza Sharis „House of Beauty“ am Friedrichsplatz Duftberatungen auf Video aufnahm.

Sinnesknospen werden gekitzelt

Und der Parfüm- und Schönheitsexperte hat den richtigen Riecher, wenn’s um die Vorlieben seiner Kunden geht – das sorgt immer wieder für Staunen bei den Beratungen. Dafür muss Shari sie nicht einmal sehen, es reichen Antworten auf Schlüsselfragen. „Eine Beschreibung zum Beispiel vom Aussehen, dem beruflichen Umfeld, dem Sozialverhalten und Hobbys genügt, um mir die Person vor meinem geistigen Auge zu visualisieren“, erklärt Shari, der seit 2006 auch die Reza-Shari-Make-up-Akademie betreibt. Zu 99 Prozent läge er dabei mit seinen Empfehlungen richtig. Das wird auch an dem Samstag deutlich: Er sieht die Kundin oder den Kunden und setzt treffsicher auf Düfte. Er lässt dabei Frau und Mann selbst erst einmal den eigenen Geruchssinn kennenlernen und kitzelt mit seinen Anregungen und Geschichten zu den Parfüms zusätzlich die Sinnesknospen auf charmant-poetische Weise. Damit sorgt er sicherlich für treffliche Forschungsvideos. Für die Beratungen vor laufenden Kameras hat Shari diesmal Kunden involviert, die sich vorab bereiterklärten, der Wissenschaft im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gesicht zu zeigen.

Gelernt hat Shari, mittlerweile einer der gefragtesten Make-up-Artisten und Connaisseur der Schönheit mit internationalem Publikum, darunter prominente Persönlichkeiten, in Paris und Basel bei führenden Beauty-Marken wie Lancaster, Elizabeth Arden und Clarins. Seinen „guten Riecher“ hat er unter anderem bei der Edelmarke Hermès ausbilden lassen.

Der Träger des „Großen Preises des Mittelstands“, der unter anderem 2016 deutschlandweit den ersten und einzigartigen IHK-zertifizierten Make-up-Artist-Lehrgang ins Leben rief und seit 2017 eine europaweit einmalige Online-Make-up-Akademie betreibt, sieht Düfte auch ohne Forschungsresultat als wichtiges Kommunikationsmittel. Es gehört für ihn etwa zur vollkommenen Glückseligkeit dazu, wenn man zum Beispiel mit einem lieben Menschen ein schönes Candlelight-Dinner mit gutem Wein genießt – „stellen Sie sich vor, das Gegenüber riecht dann unangenehm, das würde doch den Moment zerstören“, bringt es Shari auf den Punkt. Nicht umsonst gibt es ja auch das Sprichwort: Sie können sich nicht riechen.

Das Projekt „int.Senses“ ist im vergangenen Oktober gestartet und läuft insgesamt vier Jahre. „Von vorhergehenden Feldstudien beziehungsweise Aufnahmen werden in diesem Jahr bereits erste Ergebnisse publiziert – unter anderem im ,Journal of Pragmatics‘“, erzählt Sofian Bouaouina. Erste Ergebnisse der Samstagsaufnahmen werden in den nächsten Monaten erwartet. Was genau dabei herauskommt, vermag er noch nicht sagen: „Es gibt jedoch bereits Analysen vorhergehender Aufnahmen, welche nachweisen, dass unter anderem der Geschmackssinn – der oft als rein individuell und ‚verinnerlicht‘ konzipiert wird – klar zur menschlichen Interaktion beiträgt: Er wird, wenn er relevant ist, durch Gesichtsausdrücke, Gestik, Körperhaltungen von den betreffenden Personen sichtbar und ,erklärlich‘ gemacht und so nach außen hin mitgeteilt“. kaba