Mannheim

Filmschätze Aufnahmen vom Architektenwettbewerb 1986 / Proteste gegen eine moderne Bebauung führen zu Bürgerbegehren

Der lange Kampf ums Stadthaus

Es sind Aufnahmen, die an alte Emotionen erinnern. Und Aufnahmen, die von enttäuschten Hoffnungen sprechen – Hoffnungen, die sich mit dem Neubau des Stadthauses auf N 1 verbunden, aber nie erfüllt haben. Bilder aus dem Jahr 1986, die den Architektenwettbewerb und die Proteste dagegen zeigen, zählen zu den Filmschätzen vom Marchivum, von denen wir einen jeden Donnerstag auf dieser Seite vorstellen.

Kaum ein Bau der Nachkriegszeit ist so heftig umstritten wie das Stadthaus N 1. Seit 1747 steht hier das „Alte Kaufhaus“. Es wird 1899 bis 1909 nach dem Entwurf von Richard Perrey zum Rathaus umgebaut, im Zweiten Weltkrieg sehr stark, aber nicht komplett zerstört. 1949 werden sogar Teile wieder aufgebaut, bis 1958 als „HADEFA“ (Haus der Fachgeschäfte) betrieben. 1965 aber erfolgt der Abriss der Reste und des Turmstumpfs.

1960 und 1978 gibt es Architektenwettbewerbe zur Wiederbebauung. Den ersten Entwurf realisiert man 1967 nur bis Oberkante Keller, nämlich die Tiefgarage, den zweiten gar nicht – aus Kostengründen.

Aber dann kommt der dritte Anlauf – und den zeigen die Aufnahmen. Sie stammen aus einem der „Jahresfilme“, die zu Beginn der Amtszeit des 1983 bis 2007 amtierenden Oberbürgermeisters Gerhard Widder entstehen. Ihn sieht man, dazu Baubürgermeister Nils Gormsen, viele damalige Stadträte sowie Kurt Holler und Friedrich Kranz von der Mannheimer Gesellschaft für Wohnungs- und Städtebau (MWS), jener städtischen Tochter, die das Stadthaus errichten soll.

15 Einsendungen liegen der Jury für den Architektenwettbewerb vor, der Freiburger Professor Klaus Humpert ist Vorsitzender. An einem großen Modell der Quadrate aus Holz erläutert er am 23. Mai 1986, was die Jury in zweitägiger Sitzung entschieden hat. Sie kürt das Architekturbüro von Carlfried Mutschler als Sieger. Ihm bescheinigt das Gremium „die gelungene moderne Interpretation eines historischen, für Mannheim bedeutsamen architektonischen Motivs“. Man hört in dem Film, wie Humpert die breite Treppe, das „Platzerlebnis“ durch den Eingang im ersten Obergeschoss und die „Rotunde“, den hinteren Platz im Innern, lobt. Das Haus sei „offen nach allen Seiten“, rühmt er dessen „Attraktivität“.

Am 8. Juli votiert der Gemeinderat nach leidenschaftlicher Debatte schließlich für diesen Entwurf – mit 27 zu 15 Stimmen. Schon vor der Sitzung gibt es heftige Proteste, werden bei strömendem Regen Flugblätter verteilt. „Wir Mannheimer wollen das Alte Kaufhaus“ steht auf einem großen Transparent vor dem Eingang des Zeughauses in C 5, wo seinerzeit der Gemeinderat tagt.

Gewonnen – aber verloren

Nach einer erbittert und emotional geführten Diskussion startet die von Karl Heinz Karcher und Hansjörg Probst geführte „Bürgeraktion Altes Kaufhaus“ ein Bürgerbegehren und sammelt dafür zwar sogar 42 000 statt der erforderlichen 24 000 Unterschriften. Sie setzt so durch, dass es zu einem Bürgerentscheid, also einer Volksabstimmung, kommt. Am 2. November 1986 votierten dann 53 340 Mannheimer dafür, statt einer modernen Architektur das historische „Alte Kaufhaus“ wieder zu errichten.

Das entspricht 83 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen – eigentlich ein großer Erfolg. Aber es sind nur 26,2 Prozent aller insgesamt Stimmberechtigten – und damit wird das gesetzliche Quorum verfehlt, das bei 30 Prozent aller Stimmberechtigten liegt. Die Bürgerinitiative hat also eigentlich gewonnen, aber aus formalen Gründen (7000 Stimmen fehlten) keinen Erfolg. Der Gemeinderat beschließt daraufhin den modernen Bau, der 1991 eröffnet wird. Der Frust darüber sitzt bis heute bei vielen Bürgern sehr tief.

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