Mannheim

Interview Bernhard Pörksen über den Wert des Gesprächs und die Idee einer redaktionellen Gesellschaft

„Der Mensch ist ein Dialogtier“

Archivartikel

Die sozialen Netzwerke haben das Kommunikationsklima der Gesellschaft verändert: Der Mensch ist verunsichert, die Stimmung nervös und gereizt. Deshalb ist Medienmündigkeit für Bernhard Pörksen zur alles entscheidenden Frage geworden.

Herr Pörksen, wir leben in einer Zeit, in der wir dank der Digitalisierung Informationen schnell zur Verfügung haben. Gibt es auch eine Schattenseite?

Bernhard Pöksen: Ja, die Schattenseite liegt in der Überforderung. Im Zeitalter der Netzutopien waren wir uns sicher: Mehr Information macht uns automatisch mündiger, weil wir aus einer Vielfalt rational auswählen können. Doch heute müssen wir anerkennen: Immer mehr Information erhöht die Chancen effektiver Desinformation. Weil wir verzweifelt im News-Hagel nach Gewissheit suchen. Und dann auf das zurück greifen, was wir ohnehin glauben oder doch unbedingt glauben wollen.

Herr Pörsken, wir diskutieren immer wieder über die sogenannte Filterblase –was ist das und wie können wir ihr entkommen?

Pörksen: Die Theorie besagt: Algorithmen locken uns in einen Tunnel der Selbstbestätigung. Und wir sehen im Netz nur noch das, was ohnehin unseren Meinungen entspricht. Aber ich muss gestehen: Ich schreibe seit Jahren gegen diese Theorie an, übrigens ziemlich erfolglos. Wir können uns einigeln, unser Selbstbestätigungsmileu aufsuchen. Aber wir können uns unter digitalen Bedingungen eben gerade nicht mehr abschotten, der Konfrontation mit anderen Ansichten ausweichen. Ich behaupte daher: Wir leben längst in Zeiten des permanenten Filterclash. Vernetzung verstört. Und das ist die Tiefenursache der großen Gereiztheit, die ich beschreibe.

Sie sagen: Journalismus gehört zur Allgemeinbildung, und wir müssen den Weg hin zu einer redaktionellen Gesellschaft schaffen. Wie könnte dieser Weg aussehen?

Pöksen: Es braucht ein eigenes Schulfach – als Labor der redaktionellen Gesellschaft. Hier könnte man verstehen lernen, wie ungeheuer irrtumsanfällig der Mensch ist, wie Medien wirken und wie man selbst auf ausreichend respektvolle Weise öffentlich spricht. Was ist seriöse, glaubwürdige, überhaupt veröffentlichungsreife Information? Das war in einer anderen Medienepoche die Schlüsselfrage einer einzigen Profession, nämlich des Journalismus. Heute geht sie jeden an, weil jeder zum Sender geworden ist: medienmächtig, aber noch nicht medienmündig.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Debattenkultur in Deutschland?

Pörksen: Ziemlich düster. Es gibt sehr viel Hass und Hetze, infame Attacken im Dunkel der Anonymität auf Politiker, Frauen, Flüchtlinge – und auf alle, deren Ansichten oder Hautfarbe den Pöblern und Wutjunkies nicht passen. Diese Stimmung einer allgemeinen Aggressivität schwappt aus dem Netz hinein in die Welt der unmittelbaren Kommunikation. Auch offline werden Mitarbeiter in Behörden und Ämtern, Rettungskräfte und Polizisten in bislang unbekannter Schärfe angepöbelt und diffamiert.

Stichwort Klimaschutz: Reden wir zu viel, aber tun zu wenig?

Pörksen: Das ist das Kernproblem: hohes Verbalengagement bei gleichzeitiger Verhaltensstarre. Und ich würde ergänzen: Wir reden zuviel über Nebensächliches – ein ICE-Foto von Greta Thunberg hält die Republik über Tage in Atem, aber die eigentliche Frage bleibt undiskutiert: Wie kann eine effektive Klimapolitik gelingen? Diese fehlt. Die C02-Emissionen steigen weiter. Leugner des Klimawandels bekleiden höchste Staatsämter. Die verbreitete Ignoranz ist erschütternd. Und diese eigentliche Tragödie wird überdeckt vom Spektakel, dem Nonsens-Thema und der dümmlichen Greta-Lästerei.

Worauf könnten Sie persönlich nie verzichten?

Pörksen: Letztlich auf das Gespräch, den Austausch mit anderen, die man schätzt, vielleicht sogar liebt. Der Mensch ist ein Dialogtier, so würde ich sagen. Ohne den Sauerstoff eines guten Gesprächs priemeln wir alle ein, ohne das gelingende Miteinander-Reden fehlt die entscheidende Dimension der Existenz. Der Luxus persönlicher Besitztümer, der Informationsreichtum des Digitalen, die Bequemlichkeit der modernen Welt – all das ist wunderbar und großartig. Aber aus meiner Sicht nicht unverzichtbar.

Womit werden wir uns 2020 auseinandersetzen müssen?

Pörksen: Mit der Kultur des öffentlichen Gesprächs unter den Bedingungen der Polarisierung. Die Klimapolitik beginnt die Gesellschaft in der Tiefe zu spalten – so wie gerade noch die Flüchtlingskrise. Vielleicht bin ich voreingenommen und als Medien- und Kommunikationswissenschaftler gleichsam betriebs-blind, aber ich würde sagen: Die Qualität der Kommunikation bestimmt in einem sehr elementaren Sinne die Qualität unseres Lebens. Und sich für diese Qualität einzusetzen – das ist ein lohnendes Ziel.

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