Mannheim

„Der Rheindamm muss für 80 bis 100 Jahre sicher stehen“

Thorsten Langscheid

Im Streit um die Sanierung des Rheindamms und die damit verbundene Fällung von rund 1000 Bäumen verweist Armin Stelzer, Referatsleiter im Regierungspräsidium Karlsruhe, auf die Betreiberverantwortung des Landes für die Sicherheit der Dämme. Bäume auf und am Damm gefährden die Sicherheit und seien deswegen „unzulässig“.

Herr Stelzer, wie groß ist das Risiko, dass der Rheindamm bricht?

Armin Stelzer: Wir akzeptieren überhaupt kein Risiko des Dammbruchs bis zur Höhe des Bemessungswasserstandes. Die Dämme am Rhein sind in Kombination und nach Fertigstellung der Rückhalteräume des Integrierten Rheinprogramms (IRP) für ein 200-jährliches Hochwasser ausgelegt. Das bedeutet, dass ein solches Hochwasserereignis im statistischen Mittel innerhalb von 200 Jahren ein Mal vorkommen wird. Wann dies der Fall sein wird, kann aber niemand vorhersagen.

Trotzdem verweisen Sie auf ein „Breschenszenario“, also darauf, dass der Damm brechen könnte.

Stelzer: Ja, natürlich. Deswegen muss der Rheindamm ja ertüchtigt werden. Würden wir dies nicht nach den aktuellen technischen Vorgaben machen, müsste man irgendwann eben doch damit rechnen, dass zum Beispiel Neckarau bis zu vier Meter hoch überschwemmt werden könnte und innerhalb von neun Stunden größtenteils im Wasser stünde.

Die Bürger-Interessengemeinschaft (BIG) Lindenhof kritisiert Sie in diesem Punkt scharf und wirft Ihnen „Panikmache“ vor.

Stelzer: Wir verstehen unsere Aufgabe darin, die Menschen darüber zu informieren, was passiert, wenn der dringend sanierungsbedürftige Damm bricht. Das hat nichts mit Panikmache zu tun. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Dammertüchtigung von der BIG grundsätzlich in Frage gestellt wird. Der Konfliktpunkt ist, dass die BIG den Damm als Landschaftselement des Waldparks sieht. Er ist aber in erster Linie ein technisches Bauwerk.

Warum stehen die Pläne zur Ertüchtigung des Rheindamms so stark in der Kritik?

Stelzer: Wir sprechen über einen Dammbruch und ein 200-jährliches Hochwasser – und damit über ein Ereignis, das unsere Generation am Rhein so noch nicht erlebt hat. Und hoffentlich auch nie erleben wird. Weil diese Hochwasserlagen so extrem selten sind, sind sie eben für viele Menschen schwer vorstellbar.

Warum lassen Sie die Dämme nicht so, wie sie sind?

Stelzer: Wir haben als Land Baden-Württemberg nach dem Wassergesetz die Betreiberverantwortung für etwa 1000 Kilometer Hochwasserschutzdämme. Die meisten dieser Dämme sind über viele Jahrzehnte gealtert. Wie auch andere technische Bauwerke müssen die Dämme überprüft und gegebenenfalls saniert werden. Hierbei hat sich gezeigt, dass etwa 570 Kilometer der Dämme sanierungsbedürftig sind.

In Mannheim ist der Rheindamm besonders gefährdet?

Stelzer: Ja, der Damm in Mannheim – und übrigens auch in Karlsruhe – stehen ganz oben auf unserer Prioritätenliste. Dies hängt mit dem Zustand des Damms und damit zusammen, was hinter den Dämmen liegt. In beiden Städten leben besonders viele Menschen in unmittelbarer Nähe der Dämme. Für den Schutz dieser Anwohner sind wir verantwortlich. Es befinden sich hier aber auch große Industrieanlagen, die ebenfalls geschützt werden müssen.

Und warum können die Bäume dabei nicht am und auf dem Damm stehenbleiben?

Stelzer: Der Damm muss für die nächsten 80 bis 100 Jahre sicher stehen. Hierzu ist die neue Fassung der DIN-Vorschrift 19712 anzuwenden. Diese Vorschrift besagt, dass Bäume im Bereich des Damms nicht zulässig sind.

Das war in älteren Fassungen der DIN-Vorschrift nicht so. Warum wurde das geändert?

Stelzer: Bei den katastrophalen Hochwässern an Elbe und Oder vor einigen Jahren hat sich gezeigt, dass Bäume auf und nahe von Dämmen zu gefährlichen instabilen Verhältnissen führen und ein Versagen des Dammes zur Folge haben können. Zum Beispiel, wenn bei langanhaltenden Hochwässern der Damm durchnässt und aufgeweicht ist und dann Sturm oder Starkwinde dazu kommen.

Aus welchem Grund sollte das gefährlich sein?

Stelzer: Bäume können dann umkippen und durch ihr herausgerissenes Wurzelwerk den Damm beschädigen. Aber selbst wenn der Damm deswegen nicht gleich bricht, können umgestürzte Bäume die Dammverteidigung erschweren oder sogar unmöglich machen. Zum Beispiel, wenn man im Notfall mit schwerem Gerät arbeiten müsste – etwa um bei Hochwasserlagen Sandsäcke auf den Damm zu packen.

In anderen Städten, zum Beispiel in Neuss und Schwerin, konnten Bäume auf Dämmen erhalten werden. Warum sollte das in Mannheim nicht ebenfalls möglich sein?

Stelzer: Aus den uns vorliegenden Informationen hat sich gezeigt, dass diese Fälle nicht auf die Mannheimer Verhältnisse übertragbar sind. So weichen entweder die bauliche Ausgestaltung der Dammanlage, die Art des Bewuchses oder die Schutzfunktion ab. Bei unserer Dammertüchtigung ist zudem die Neuauflage der DIN zu berücksichtigen.

Müssen deswegen tatsächlich über 1000 Bäume gefällt werden?

Stelzer: Zum jetzigen Planungsstand wurde die exakte Anzahl noch nicht ermittelt. In der Größenordnung dürfte dies aber durchaus zutreffen. Derzeit befinden wir uns in der Entwurfsplanung und werden unsere Planungsvarianten, auch im Hinblick auf eine Minimierung des Eingriffes in den Baumbestand, weiter untersuchen und soweit wie möglich optimieren.

Zum Thema