Mannheim

Der "Schattenmann am Flügel" brilliert

Archivartikel

Mannheim.„Im Sinne des Wortes sehen wir uns später“, lässt es „Enjoy Jazz“-Festivalchef Rainer Kern 500 Gäste wissen – und taucht das Käfertaler Trafowerk schleichend in epische Düsternis. Zunächst geht ein Raunen durch die Reihen, wirkt die Schwärze in der mächtigen Industriehalle wie ein fataler dunkler Umhang, der vor dem Auge scheinbare ins Innere des Bewusstseins heruntergelassen wird – doch zum Auftakt-Konzert der ersten Mannheim Music Week hängt die Faszination jede Angst bald schon im Eilverfahren ab.

Dabei herrscht zum Projektkonzert des Schweizer Pianisten Nik Bärtsch und der britischen Videokünstlerin Sophie Clements nur wenig früher noch versammelte Irritation. Mit ratsuchenden Gesichtern kämpfen sich die Gäste in ihren Autos durch den Mannheimer Abendregen, fragen nach, ob sie hier an diesem Ort industrieller Abgeschiedenheit wirklich richtig sind – und reihen sich schließlich ein, in das Glied derer, die an diesem Abend Besonderes bezeugen wollen.

Von der Atmosphäre überwältigt

Ein Versprechen, das kaum aus den Wolken gegriffen zu sein scheint – passiert jeder Entschlossene auf seinem Weg zum Ort des Begehrs doch nicht nur an den gigantischen Kranhaken und uferlosen Hallenfluchten der Spedition Kübler, die diesen einzigartigen Ort einst übernahm – auch meterhohe Vorhänge, die die Menge schließlich in die 24 Meter hohe Prüfhalle einlassen, gilt es zu passieren. Während spontane Überzeugungstäter an der Abendkasse noch auf die Chance eines Tickets warten, überwältigt der stilvoll illuminierte, mit Nebelmassen angefüllte und fast schon charmant eingerichtete stählerne Quadratbau selbst so manchen routinierten Konzert-Routinier, der die Szenerie noch rasch auf einem Foto bannt, um die Kraft und Ausstrahlung des Raumes – nicht selten mit atemlosen Staunen – auf sich wirken zu lassen.

Auch Marianne und Bernhard Brosche aus Heidelberg, die seit Jahren zu den festen Anhängern von „Enjoy Jazz“ gehören, attestieren dem Trafowerk „eine unglaublich hohe Ausdruckskraft“, die sie als Anhänger von Nik Bärtsch vor allem mit der Kunst des Mannes aus Zürich Hand in Hand gehen sehen. „Diese Exaktheit in seinem Klang, die mit der Verlässlichkeit eines Schweizer Uhrwerks funktioniert und sich dennoch Freiheiten erlaubt, passt großartig zu dieser Entdeckung“, wie es Marianne Brosche dem „MM“ erklärt – und das folgende künstlerisch-symbiotische Erlebnis konsequenter nicht hätte zusammengefasst haben können.

Keine Kunst für jeden

Denn auch, wenn die Düsternis fast 20 der 70 Konzertminuten für sich in Anspruch nimmt: Als die Hochfrequenz-Beamer zunächst einen blauen Streifen auf der baumwollenen Video-Leinwand erscheinen lassen, um Meer und Bergesfluten bald schon im Abglanz des riesigen Wasserbeckens zu zeigen, greifen Klavierspiel und visuelle Raumästhetik wie Brüder im Geiste ineinander.

Pur, ungefiltert und unmittelbar. Dass solch konzentrierte Kräfte auf dem Weg in transzendente Gefilde nichts für jeden sind, steht dabei außer Frage. Zwar haben Bärtsch und Clements in ihrem Werk „When The Clouds Clear“ („Wenn sich die Wolken lichten“) den beschwerlichen Weg aus der Schwärze ans Licht bereits angedeutet – doch während die überwiegende Mehrzahl diesem Schauspiel aus Wasser, Klang und Licht fasziniert folgt, verlassen die ersten Gäste die Installation auf eigenen Wunsch schon nach wenigen Minuten.

Der Ansatz dahinter ist ebenso konsequent wie extrem. Nik Bärtsch hatte im Gespräch mit dieser Zeitung von einer „radikalen Präsenz“ gesprochen, die er erzielen will – der brillierende Solist bleibt sein Versprechen im Wirbel zwischen präziser Wiederholung und melodischer Varianz nicht schuldig. Am Ende sprechen im frenetischen Schlussapplaus, mit dem das Trafowerk diesen Auftakt würdigt, manche vollmundig von einem „Schattenmann am Flügel“, der uns die Erleuchtung beschert habe. In der griechischen Tragödie nannte man diesen Effekt der ehrlichen Seelenläuterung Katharsis; eine Kategorie, die auch für diesen tief bewegenden Abend kaum zum hoch gegriffen scheint.

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