Mannheim

Filmschätze Unbekannter Kameramann dreht 1907 den Besuch von Erbgroßherzog Friedrich II. in Mannheim, der sich hier die Sunlicht-Seifenproduktion anschaut

Die ersten Aufnahmen eines Fließbands

Es ist bezeichnend für die Zeit: Die Damen in den weißen Schürzen, die eigentlich die wichtigen Personen sind, kommen nur am Rande vor. Dafür wimmelt es nur so von Herren in Frack und Zylinder oder in Uniform, die aufgeregt herumzutänzeln scheinen. Sie besichtigen, mit dem Erbgroßherzog Friedrich II. an der Spitze, die Seifenproduktion von Sunlicht in Mannheim – die Aufnahmen davon, entstanden 1907, sind das älteste Dokument dieser Art in Baden und zählen zu den kostbarsten Filmschätzen des Marchivum.

Alles ist etwas verwackelt, unscharf. Aber immerhin – es sind Innenaufnahmen, und das von 1907. Da hat man ohnehin kaum gedreht, und wenn, dann nur im Freien. Aber hier macht eine Dame noch einen Hofknicks, ziehen die Herren beflissen den Zylinder, dann betreten alle das Gebäude, und auch der – bis heute unbekannte – Kameramann dreht im Innern weiter.

Es handelt sich um den Pavillon, den die „Sunlicht Seifenfabrik Rheinau“ eigens auf dem Ausstellungsgelände zur Internationalen Kunst- und Großen Gartenbauausstellung errichtet hat. Damit feiert Mannheim 1907 am Wasserturm, rund um den Friedrichsplatz und entlang der Augustaanlage seinen 300. Geburtstag. Und auch die industriellen Errungenschaften spielen da eine große Rolle.

Als Tochtergesellschaft der britischen „Lever Brothers Ltd.“ war die „Sunlight Seifenfabrik“ 1899, also kurz vor dem großen Mannheimer Jubiläum, in Rheinau gegründet worden. Doch das, was in dem Rheinauer Werk vor sich geht, will man auch hier, bei der großen Ausstellung präsentieren – und baut daher eigens eine Fabrikation in klein nach. Das Besondere daran ist, dass man die „Sunlight Soap“ nicht, wie damals üblich, in großen Blöcken fabriziert und dann Stück für Stück abgebrochen, sondern am Fließband hergestellt und einzeln hübsch verpackt hat.

„Was heute selbstverständlich ist, war damals eine Innovation“, hebt Helen Heberer hervor. Die „Sunlicht“-Seife in dieser Form ist immerhin „einer der ersten Markenartikel überhaupt“, so Heberer. Die Stadträtin und Vorsitzende des Fördervereins „Freundeskreis Marchivum“ hat den Stummfilm vertont und berichtet, dass das Rheinauer Werk mit einer Jahresproduktion von 40 000 Tonnen 1907 die größte Seifensiederei Europas war.

Sie kommentiert auch das amüsante Schauspiel, wie die große Herrenschar mit Zylinder den Pavillon besichtigt. Es scheint da heiß zu sein – jedenfalls sieht man in einer winzigen Sequenz des Films, wie einer der Herren umkippt, ihm aber schnell wieder aufgeholfen wird. Dann schwenkt der Kameramann diskret weg.

Zwar ist es „eine der frühesten Filmaufnahmen eines Fließbands überhaupt“, so betont Heberer eigens. Aber so richtig wichtig ist dem Kameramann die Produktion nicht – er nimmt überwiegend den in Uniform mit Pickelhaube gekleideten Erbgroßherzog , Friedrich II. von Baden ins Visier, der an diesem 1. Mai 1907 mit seiner Frau Hilda aus Karlsruhe nach Mannheim kommt und die Jubiläumsausstellung eröffnet.

Geschenk der Nachkommen

Die Aufnahmen davon sind ein wertvolles Erinnerungsstück für die Stadtgeschichte. Immer wieder erkennt man auch den damaligen Bürgermeister Robert Ritter, Ausstellungsleiter der Jubiläumsausstellung. 1907 hat man den Streifen zunächst dem Karlsruher Hof des Großherzogs vorgeführt, dann in das Programm des „Kinematographen“ der Jubiläumsausstellung aufgenommen. Dann aber verliert sich die Spur. Später stellt sich heraus, dass Bürgermeister Ritter in den Besitz zumindest einer Kopie des Films gekommen ist. Seine Nachkommen haben ihn 2002 dem Förderverein geschenkt. Durch Digitalisierung können die wertvollen Aufnahmen der Nachwelt erhalten bleiben.

Info: Film und Dossier unter: morgenweb.de/filmschaetze

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