Mannheim

550 Bewohner evakuiert

„Die haben mich aus dem Mittagsschlaf geholt“

Mannheim.

Für die Katzen ist es ein großer Stress“, sagt Birgit Lützing. Die  Bewohnerin wurde mit ihren vier Katzen Lilly, Pippy, Amy und Alina aus  dem brennenden Haus an der Neckarpromenade evakuiert. „Wir hatten 10 Minuten Zeit“, berichtet sie: „Es klopfte an der Tür, dann sagte der Feuerwehrmann: „Packen sie ihre Sachen zusammen, dann müssen sie raus.“ Ihr erster Gedanke: „Ach Gott! Meine Katzen!“ Sie berichtet, wie sie drei der Katzen einfangen konnte. Da waren die zehn Minuten allerdings schon um. Jedoch gewährte ihr die Feuerwehr nochmals fünf Minuten Zeit für die vierte Katze, die hatte sich panisch auf dem Kleiderschrank gerettet: „Aber auch die hab ich gekriegt“, wie sie stolz berichtet. Auch die vierte hat sie dann in einen Katzenkorb gesperrt, „der war noch ganz staubig, den konnte ich nicht mal abwaschen.“ Dann ist sie mit der Feuerwehr vom 14. Stock im Fahrstuhl runter gefahren. „Jeder hat mitgeholfen, das waren alles so nette und hilfsbereite Leute, die mir beim Tragen der drei Katzenkörbe geholfen haben.“

 

Es war ihr erster Urlaubstag, als um kurz nach 6 Uhr morgens plötzlich der Feuermelder losging. „Es roch nach Rauch, ich bin sofort auf den Balkon gelaufen, auf den anderen Balkonen standen schon die Nachbarn und hatten sich ebenfalls ins Freie gerettet.“ Mehrfach am Tag klopften Polizisten sowie Feuerwehrleute unter Atemschutzmasken an ihre Tür und fragten, ob alles in Ordnung sei bei ihr. „Wenn der Rauch schlimmer wird, soll ich auf den Balkon gehen“, rieten ihr die Einsatzkräfte. „Aber mein einziger Gedanke war bei den Katzen.“ Sie berichtet von ihrer Liebe zu den Katzen, die für sie ihre Familie ist, es sind ihre Schwestern. Auch von ihrem schlimmsten Alptraum erzählt sie, in dem sie ohne ihre Katzen gehen muss. „Und heute wäre der Alptraum beinahe wahr geworden. Ich hatte Herzrasen, ich war so aufgeregt, das Adrenalin ist nur so gesprudelt.“ Die Berufstierrettung war am Sammelplatz am Ludwig-Frank-Gymnasium vor Ort und brachte die drei Katzenkörbe mit den vier Katzen ins Tierheim. „Dort sind sie erst mal gut versorgt, denen geht es gut“, so eine erleichterte Birgit Lützing, nachdem ihre Katzen abgeholt wurden. Dennoch, „ich werde heute Nacht nicht schlafen, ohne meine Katzen kann ich nicht schlafen.“ Wo sie schlafen wird, weiß sie noch nicht. Auch wie es weitergeht, weiß sie nicht: „Ich habe Zahnpasta mitgenommen, aber keine Zahnbürste. Und an Geld habe ich auch nicht gedacht.“ Aber, das ist ihr jetzt egal, wie sie sagt, „Hauptsache den Katzen geht es gut.“

 

Sabine Sipos versucht verzweifelt, ihre beiden fest sitzenden rosafarbenen Armbändchen loszuwerden: „Damit haben sie uns registriert.“ Die Registrierung für die aus dem brennenden Wohnturm geretteten Bewohner braucht sie nicht mehr, sie bleibt nicht in der Sammelstelle: „Mein Schwager aus Neckarau holt uns gleich ab. Bei dem können wir unterkommen, der darf dann für uns sorgen.“ Auch sie berichtet von früh morgendlichem Rauch in der Wohnung, von dem Feuermelder, der losging, von Feuerwehr und Polizei, die gefragt hätten, ob alles in Ordnung sei. Zunächst schien es so, als sei alles wieder in Ordnung, zumindest bis zum Nachmittag. „Die haben mich aus dem Mittagsschlaf geholt“, wie sie von der unerwarteten Evakuierung berichtet. „Als Frau mit mehreren Handtaschen leerst du ja den Inhalt immer auf dem Schreibtisch“, so war es für sie ganz einfach, das wichtigste einzupacken: Tabletten, Handy, Geldbeutel, den E-Reader und die Lesebrille. Doch das Strickzeug hat sie vergessen, wie sie sagt: „Ich hatte es schon in der Hand, hätte ich es doch nur eingepackt. Was soll ich denn machen, wenn wir jetzt drei Tage evakuiert werden?“ Die rosafarbenen Bändchen hat sie irgendwann vom Handgelenk abgerissen und in einem Papierkorb auf dem Schulhof des Ludwig-Frank-Gymnasiums geworfen. „Hoffentlich brennt der jetzt nicht auch“, bemerkt ein ebenfalls geretteter Bewohner. Die um ihren Hals hängende Anhängekarte mit ihren Krankenbefund von der ärztlichen Erstversorgung wegen einer möglichen Rauchgasvergiftung wirft sie nicht weg, die steckt sie in ihre Tasche mit den aus der Wohnung mitgenommen wenigen Dingen. „Die Karte will ich behalten“, wie sie sagt, „als Erinnerung.“

 

„Bella!!!! Meine Lebensretterin!!!“ Für Eveline Schwarz ist Bella die Heldin des Tages. Bella, das ist ihre Hündin. „Bella hat mich geweckt heute morgen“, und streichelt dabei ganz zart über ihre Liebste, denn die hat gebellt, lange bevor überhaupt der Feuermelder losging. „Ich habe richtig tief und fest geschlafen“, berichtet sie von der Nacht und dem Morgen. Und als Bella anfing zu bellen und sie aufwachte, war die Wohnung schon voller Rauch. „Ich lief sofort auf den Balkon, auch alle Nachbarn standen auf ihren Balkonen und haben mit ihren Handys telefoniert.“ Seit dem Morgen war vier Mal die Feuerwehr da, wie sie berichtet. „Du denkst, dass du sicher bist.“ Dennoch, der Rauch war heftig, sie hat stundenlang gehustet, „ich hatte Herzklopfen, das war eine komische Situation.“ Dann kam am Nachmittag plötzlich der Befehl zur Evakuierung. „Sie haben fünf Minuten Zeit“, sagte ein Feuerwehrmann zu ihr im 25. Stock des Wohnturmes. „Als erstes habe ich eine Wasserflasche für Bella eingepackt, dann T-Shirts, ein Handtuch, ein Hemd, Zahnpaste und Zahnbürste, und den Geldbeutel, das war es, an was man so in dem kurzen Augenblick denkt.“

 

Nach der Evakuierung hat der Husten nachgelassen „jetzt ist es gut“. Ihre Nachrichten über den Brand haben ihre Facebook-Freunde schon auf der ganzen Welt geteilt, „selbst in Peru“, wie sie stolz berichtet. Aber in Mannheim hat sie keine Freunde, die sie aufnehmen könnten. Wie es mit ihr und ihrer Bella in der Nacht weiter geht, weiß sie nicht, „ich lass mich überraschen.“ Um halb Neun soll es im Sammellager ein Abendessen geben, es sei schon unterwegs, wie ein Notfallseelsorger sie beruhigt. Sie hat Hunger, den ganzen Tag hat sie schon nichts gegessen wegen dem Rauch. Sie schwärmt von einem Zwiebelrostbraten mit Spätzle, einem kühlen Bier und danach ein Eis: „Aber ich glaub es gibt nur belegtes Wurstbrot.“ Und während sie wartet, kommt Amir und begrüßt sie herzlich, es ist ein Wiedersehen der Geretteten im Chaos. Amir ist ihr Nachbar, der gerade von der Arbeit nach Hause kommt und nun die Welt nicht mehr versteht: „Heute morgen, als ich zur Arbeit ging, da roch es nach Rauch. Und jetzt komme ich nicht mehr nach Hause. Was ist hier los?“ Er hat nichts dabei außer seinem Hausschlüssel. Doch der hilft ihm in dieser Nacht nicht weiter, das Gebäude ist weiträumig abgesperrt. Ein Notfallseelsorger bringt ihn zur Registrierung für die evakuierten Bewohner.

„Wir haben gut geschlafen und ein gutes Frühstück bekommen“, berichtet Sabine Sipos, die zusammen mit ihrem Mann bei ihrem Schwager in Neckarau untergebracht ist: „Wir sitzen hier warm und trocken und faul rum, während zuhause die Arbeit wartet.“ Noch immer können sie nicht zurück in ihre Wohnung im verrauchten Wohnturm in der Neckarstadt. „Wir haben versucht bei der Stadt anzurufen, aber da sind alle Leitungen belegt.“ Erst beim Katastrophenschutz sind sie durchgekommen und haben neue Informationen erhalten: Demnach soll ab 15 Uhr über die Medien informiert werden, ob und wann welche Bewohner in ihre Wohnungen zurückkehren können. „Ich bin mal gespannt, wie das weitergeht“, so Sipos. (lde)

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