Mannheim

Die Liebe und das Leben

Archivartikel

Stundenlang könnte man von der Mannheimer Vesperkirche erzählen: Trauriges und Empörendes – aber auch so viel Hoffnungsvolles und Wunderbares. Dieses Jahr haben uns die Mitarbeiterinnen eines Friseursalons in den Quadraten ins Staunen versetzt. Sie haben uns zwei „Friseursonntage“, also Montage, geschenkt. Zwei ganze Tage konnte sich je eine Gruppe unserer Vesperkirchen-Gäste im Friseursalon verwöhnen lassen: Beratung, Waschen, Schneiden, Föhnen, mit Kopfmassage und Cappuccino.

Für viele der Vesperkirchen-Gäste, die ganz oder halb auf der Straße leben, war das der erste Friseur-Besuch seit vielen, vielen Jahren.

Was für ein Bild. Menschen, die sonst eher gebeugt um das tägliche Brot und das Überleben im Alltag kämpfen, entfalten sich plötzlich, beinahe schmetterlingsgleich, kommen plötzlich ganz anders und vor allem aufrecht ins Gehen und Stehen, zeigen ein Strahlen im Gesicht.

Das ist eine Ostergeschichte. Ostergeschichten sind Geschichten von schweren Steinen, die aus dem Weg gerollt werden und neue Sichtweisen eröffnen. Geschichten, in denen Menschen aufgerichtet werden, in denen Menschen zum Strahlen und Ausstrahlen kommen. Geschichten, die das Leben bringen, die aus der Dunkelheit zum Licht führen.

Beschenkt wurden an diesem Tag nicht nur die betroffenen Gäste. Beschenkt gefühlt haben sich auch die vielen „Auferstehungszeugen“, die das mitbekommen haben. Und die Friseurinnen haben sich ganz besonders beschenkt gefühlt.

Auch das gehört zur Ostergeschichte: Wer Gutes tut, vergibt sich nichts. Wer Gutes tut, verliert nichts. Im Gegenteil, wer Gutes tut, schenkt und gibt, wird am Ende beschenkt und vielfach belohnt werden.

Selig sind, die diese Erfahrung machen, die diese Erfahrung wagen. Gegen die allzu gegenwärtigen „du kommst zu kurz - Geschichten“. Die Geschichte von Jesu Auferstehung nach seinem grausamen Tod und Sterben, diese Geschichte vom gottgeschenkten Leben, das stärker ist als alle Gewalt und Tod, diese Geschichte trägt eine einfache Gewissheit mit sich: Wer Gutes tut, erfährt die Macht der Liebe und des Lebens.

Das sind die Geschichten, die wir zum Leben brauchen.

Die Stärke des Guten

Die Ostergeschichte ist eine Urgeschichte von der Macht der Liebe und des Lebens. Gegen manchen Augenschein sind nicht diejenigen die Starken, die nur sich, ihre Pläne und ihre Vorteile zu kennen scheinen. Die Starken, das sind diejenigen, die vertrauen können. Die Starken, das sind diejenigen, die an das Gute glauben, die sich daran freuen, wenn anderen Gutes widerfährt. Die Starken, das sind diejenigen, die Liebe in sich haben, die Liebe zulassen und Liebe geben.

Auf den ersten Blick scheint ja das Andere attraktiver: Skeptisch und kritisch sein, den bösen Willen hinter allem Tun erkennen – wie leicht lässt sich mit dieser Haltung das große Wort führen. Ängste pflegen, die Verschwörungen durchschauen, die wahren Interessen entlarven. Wer misstrauisch ist, der riskiert erst mal nichts.

Aber das trägt nicht weit. Was trägt, ist an das Leben zu glauben. Was trägt, ist auf die Macht der Liebe vertrauen und so der Spur des Lebens zu folgen.

Ich wünsche Ihnen frohe Ostern !

Dekan Ralph Hartmann,

Evangelische Kirche in Mannheim