Mannheim

Die Macht der Liebe

Wir haben ein neues Auto – mit eingebautem Navi. Ich weiß zwar nicht, wie es der Hersteller geschafft hat, aber es trägt extrem menschliche Züge. Es ist zum Beispiel hitzeempfindlich – genau wie ich. Steht der Wagen zu lange in der Sonne, verliert es die Orientierung. Nun sollte man annehmen können, dass es angesichts dieses totalen Orientierungsverlustes erst einmal verstummt. Aber weit gefehlt! Wie in der großen Politik spricht es von „wenden“ und „Kurs wechseln“ und definiert nach Belieben neue Teilziele. Obwohl es nichts Vernünftiges zu sagen hat, beansprucht es nachdrücklich die Richtlinienkompetenz und sagt mir, wo’s lang geht.

Phänomenale Geduld

Aber anders als im derzeitigen „Sommertheater“ ist seine Geduld phänomenal. Ich kann über 50 Kilometer hinweg seine Anweisungen ignorieren, und es wird trotzdem keine Rücktrittsdrohungen ausstoßen, sondern zum wiederholten Mal mit gleichbleibender Freundlichkeit sein „Bitte wenden“ an mich richten. So viel Geduld müsste man aufbringen können! Übrigens: Haben Sie Ihr Navi auch schon einmal beschimpft? Und wenn ja, verwendet es die freundliche Frauenstimme von Angela oder den sonoren Stimmklang von Horst? Angeblich fällt es uns – wie im richtigen Leben – leichter, Angela zu beschimpfen.

Sie fühlen sich ertappt und wollen etwas zur Besserung tun? Kein Problem, ein paar Berührungen machen – anders als im richtigen Leben – aus Angela einen Horst. Kennen Sie auch „Alexa“? Das ist die freundliche Dame, die im Auftrag von Amazon meinen Einkaufszettel vervollständigt, die Badezimmertemperatur um zwei Grad senkt und Fragen aller Art beantwortet.

„Alexa“ ist unveränderbar. Nicht einmal aus Gründen der Gleichberechtigung könnte man sie – sagen wir jeden zweiten Tag – gegen „Alexander“ eintauschen. Auch Siri bleibt Siri, obwohl uns im „Harry-Potter-Zeitalter“ die männliche Form „Sirius“ nur allzu bekannt sein dürfte. Alexa, Siri und Co. funktionieren ohne „Bitte“ und „Danke“ und tragen so, nicht nur in Kinderzimmern, zum Verfall guter Sitten bei.

Nur bessere Maschinen

Selbst wenn noch so viel „nachgebessert“ wird: Mein Navi bleibt ein Navi. Seine gleichbleibende Freundlichkeit ist in Wirklichkeit Gleichgültigkeit. Selbst wenn sich in Sachen „Benehmen“ noch einiges verbessern ließe, am Ende wären Navi und Co höchstens bessere Maschinen, nicht aber bessere Menschen.

Zum Menschsein gehört doch noch mehr: Wissen, Fühlen, Wollen, Zu- und Abwenden, Bejahen und Verneinen, Geduld und Ungeduld, Versuch und Irrtum und vor allem Ethik. Die darf sich dann gerne auf das „C“ beziehen, das auch bei der Münchener Regierungspartei noch vornean steht. Religionen beschreiben den Menschen nämlich nicht als programmierbare Konstruktion, sondern als Geschöpf Gottes.

Die Bibel etwa sieht ihn als Gottes Ebenbild und meint damit weniger sein Aussehen als viel mehr seine „inneren Werte“ – allen voran die grundsätzliche Fähigkeit zur Liebe, die in aller Freiheit den nahen, aber vor allem auch den fernen Nächsten einschließt, und die sich weniger von Parteiprogrammen und Machtfragen leiten lässt als vielmehr von der „Power of Love“, die also die Macht der Liebe als die Kraft ernst nimmt, die die Welt nachhaltig heilen und zum Guten ändern kann.

Helmut Krüger, Pfarrer an der evangelischen Erlöserkirche in Mannheim-Seckenheim