Mannheim

Trend Seit einiger Zeit sind wieder etliche Menschen auf der Suche nach den Tonträger aus Vinyl / Originale von früher gefragt

Die Schallplatte – verrücktestes Comeback der Musikgeschichte

Wer hätte gedacht, dass Opas verstaubte Schallplatten noch einmal etwas wert sein könnten. Dabei wurde die Vinylscheibe spätestens im Zeitalter digitaler Streamingdienste wie Spotify oder Apple Music doch eher für tot erklärt. Nun feiert sie das vermutlich verrückteste Comeback der Musikgeschichte – und das nicht erst seit gestern.

Markus Brehm hätte mit einer Rückbesinnung zu Vinyl nicht gerechnet. 1987 eröffnete er mit zwei Freunden den Plattenladen Comeback in Mannheim. Neben Schallplatten bieten sie im Quadrat S 1 auch CDs, DVDs und Videospiele an, auch aus zweiter Hand. „Das Revival der Platte ist ein Retro-Trend. Die Sehnsucht, etwas Greifbares zu besitzen“, erklärt Brehm. Außerdem sei es in den letzten fünf Jahren Teil eines Lebensstils geworden, analog Musik zu hören. So wurde die Platte auch für ein jüngeres Publikum attraktiv. „Vinyl passt gut zu Barber-Shops und Craft Bier. Nebenher läuft dann eine Northern-Soul-Platte.“

Industrie hilft nach

Die Industrie habe den Hype ebenfalls angekurbelt. Am Records Store Day, dem internationalen Tag unabhängiger Plattenläden, werden seit 2008 jedes Jahr Ende April exklusive, limitierte Vinylplatten für den Einzelhandel veröffentlicht. „Das ist besser als jeder Weihnachtssamstag“, sagt Brehm grinsend. Mehr als 50 Leute würden an diesem Tag vor seinem Geschäft darauf warten, eine der begehrten Exemplare zu ergattern. Sogar aus Luxemburg sei bereits ein Plattenliebhaber angereist, führt der 56-Jährige weiter aus.

Doch der Trend steht im Wandel. Neuerscheinungen hätten bereits ihren Höhepunkt erreicht. „Schallplattenfans wollen Originale aus den 70ern oder 80ern“, so Fachmann Brehm. Vor allem junge, deutschsprachige Interpreten seien keine Vinylthemen. Außer Rammstein, „die aber eher international als deutsch sind“.

Wert von Vinyl steigt

Für Händler habe das allerdings den Vorteil, dass der Wert an Zweiter-Hand-Ware in die Höhe steigt. „Jeder will Raritäten, am besten für wenig Geld“, berichtet der Mannheimer Plattenhändler. In Deutschland seien beispielsweise Genres wie Krautrock, Jazz oder auch Klassik begehrt. Die teuerste Platte verkaufte Markus Brehm für 850 Euro, eine Sammlerbox der Band Cluster. Sowas passiere allerdings nur einmal in 20 Jahren. Auf internationalen Plattenbörsen würden Liebhaber auch gerne mehrere tausend Euro für Sammlerstücke zahlen.

Dass es einen Markt für Schallplattenfans gibt, könne man aus den jährlichen Wachstumsraten entnehmen,“, sagt Sigrid Herrenbrück vom Bundesverband Musikindustrie. So hatten Schallplatten im ersten Halbjahr 2019 einen Marktanteil von 4,4 Prozent. „Vinyl wächst seit 2007 ununterbrochen.“ Nur das Jahr 2018 sei eine Ausnahme gewesen, so Herrenbrück.

Menschen haben Sammler-Gen

Alfred Malejka aus Lampertheim beweist, dass die Schallplatte im Zeitalter der Digitalisierung angekommen ist. Auf seinem Blog Good-Vinyl.de veröffentlicht er Themen rund um die Schallplatte. Zehntausend Klicks verbucht er monatlich, fast täglich kontaktieren ihn Leser. „Viele Leute verkaufen ihre Sammlungen sehr naiv“, erklärt der 63-Jährige. Sein Blog soll eine Hilfestellung zur Preisermittlung geben, erklären, wie Platten restauriert werden oder skurrile Geschichten thematisieren. Sogar die Musikzeitschrift „Rolling Stone“ wurde auf Malejka aufmerksam und schickt ihm hin und wieder Ausgaben für Online-Verlosungen zu.

Die Wiederkehr der Platte erklärt er sich mit dem Sammler-Gen. „Früher haben die Menschen Briefmarken oder Münzen gesammelt. Heute sammeln sie Platten.“ Auch das Publikum verändere sich. So sehe Malejka vermehrt jüngere Menschen auf Plattenbörsen, oft auch Studenten. Die hohen Preise vereinzelter Schallplatten ließen sich oftmals durch einen ideellen Wert erklären. Im Internet sei er jüngst auf eine LP von Led Zeppelin mit Signatur für 15 000 Euro gestoßen. „Ob der Verkäufer die loswird? Ich halte das für übertrieben“, sagt er dazu.

Der Zukunft schauen Markus Brehm und Alfred Malejka positiv entgegen. Zwei Jahrzehnte könnte der Hype noch anhalten. Brehm sieht im Streaming auch keinen Feind. Vielmehr sei es eine Ergänzung. Der CD würde er ebenfalls ein Revival zutrauen – die verkauft er beispielsweise auf der Online-Datenbank Discogs in erster Linie. Musik sei mehr als nur eine kostenlose Datei. „Der Bezug dazu sollte bestehen bleiben und wieder wertgeschätzt werden.“

Zum Thema