Mannheim

Die Suche nach einer Wohnung

Archivartikel

Da stehen 23 Personen zusammengepfercht in einem völlig leeren Wohnzimmer. Es sind Singles, Pärchen, Alleinerziehende und ganze Familien. Schüchtern begutachten wir unsere Konkurrenten und hören aufmerksam dem Herrn im Anzug zu. Wir müssen auf jeden Fall einen guten Eindruck hinterlassen! Denn: Zwei Zimmer, Küche, Bad, ab sofort gesucht! Ob mit oder ohne Balkon, im fünften Stock ohne Aufzug, ob an einer starkbefahrenen Straße oder direkt über einem Trendrestaurant – wer heute eine Wohnung sucht, darf keine Ansprüche stellen.

Ist man verschuldet, bekommt Hartz IV, hat man eine Behinderung, einen ausländisch klingenden Namen, eine dunklere Hautfarbe, mangelnde Deutschkenntnisse oder hat man gar einen unsicheren Aufenthaltsstatus, dann schwinden die Chancen drastisch. Der Evangelist Johannes schreibt im 14. Kapitel: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“

Auch wenn Jesus, Friede sei auf ihm, sich an dieser Stelle auf ein Leben nach dem Tod bezieht, so glauben wir, dass dies auch unmittelbar Konsequenzen auf unser ganz konkretes Leben haben muss: Wir brauchen Platz für alle! Und das Reich Gottes ist kein fernes Land im Jenseits, sondern es beginnt im Hier und Jetzt.

Wie kann es dazu kommen?

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, dass Sinti und Roma, Asylsuchende und Muslime die unbeliebtesten Nachbarn sind. Dabei geht unser Glaube davon aus, dass wir alle vor Gott gleich sind. Wie können wir als Menschen dann unsere Nachbarn derart äußerlich verurteilen?

Der Prophet Muhammed, Friede sei auf ihm, sagte in seiner Abschiedspredigt: „Ein Araber ist nicht mehr wert als ein Nichtaraber, noch ist ein Nichtaraber mehr wert als ein Araber; weder ist ein Schwarzer mehr wert als ein Rothäutiger, noch ein Rothäutiger mehr als ein Schwarzer; das einzige Maß der Überlegenheit ist Frömmigkeit.“ Es ist sehr einfach, sich selbst in eine Art Schubladendenken zu versetzen und viele Menschen aufgrund von Einzelfällen in einen Topf zu werfen. Doch zu differenzieren und sich einer Sache unvoreingenommen zuzuwenden, das ist eine wahre Kunst.

Im hessischen Wächtersbach wurde Anfang der Woche ein Mann aufgrund rassistischer Motive auf der Straße lebensgefährlich verletzt. Und dann gab es in Mannheim eine Bombendrohung gegen eine Moschee, ein Gotteshaus. Wie kann es dazu nur kommen? Wie kann man denken, dass ein Mann mit dunkler Haut oder ein Muslim in unserem Haus kein Platz haben könnte? Die Ditib-Gemeinde bedankt sich im Nachklang bei der Polizei für die gute Zusammenarbeit und bei den vielen Menschen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft für die große Unterstützung und Solidarität. Das Gotteshaus steht weiter allen Besuchern offen.

Papst Franziskus schreibt in seiner Enzyklika „Laudato Si“ von der brennenden Sorge um das gemeinsame Haus. Das gemeinsame Haus, damit ist unsere Erde gemeint. Hier soll jeder und jede einen Platz haben. Auch in unserem Land und in unserer Stadt sollen alle Menschen ihren Platz haben. Wenn es im Haus meines Vaters viele Wohnungen gibt, dann können wir als Nachbarn und Freunde Seite an Seite in Frieden leben.

Ugur Yilmaz,

Vorsitzender Muslimische

Jugend Ditib Mannheim, und

Jochen Winter,

Flüchtlingsseelsorger der

Katholischen Kirche für

Heidelberg und Mannheim

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