Mannheim

Die Würde der Arbeit

Archivartikel

Trotz oder gerade wegen der großen Ferien denke ich über Arbeit nach. Arbeit ist wesentlicher Bestandteil unseres Daseins. Durch sie bestreiten die meisten Menschen ihren Lebensunterhalt. Die biblische Geschichte von Adam und Eva beschreibt die Entstehung der Arbeit als Folge der Vertreibung aus dem Paradies. In 1. Mose 3,19 sagt Gott zu Adam: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst . . .“ Die Arbeit in der vorindustriellen Landwirtschaft war mühevoll und eine große Belastung. Nichtsdestotrotz legte Gott seinen Segen darauf.

Akt der Nächstenliebe

Zu Beginn der Neuzeit schrieb Martin Luther: „Wie der Vogel zum Fliegen, so ist der Mensch geboren zum Arbeiten.“ Arbeit ist bei ihm nicht vor allem negativ. Sie gehört zum gottgewollten Dasein des Menschen. Dabei ist Arbeit für Luther immer auch ein Akt der Nächstenliebe, ein Dienst an der Gemeinschaft. Wir sind als Menschen von Gott zum Tätigsein berufen. So könnte man heute in seinem Sinne das Arbeiten in der Familie oder das ehrenamtliche Engagement als Beruf verstehen. Durch Arbeit – ein moderner Gedanke – verwirklicht sich der Mensch selbst.

Doch Selbstverwirklichung durch Arbeit ist weiterhin ein Privileg weniger Menschen. Dass Menschen ihre Arbeit als erfüllend erleben und dabei selbst kreativ, schöpferisch, tätig sein können, ist nicht selbstverständlich. Es gibt heute viele „Scheißjobs“, wie sie der Anthropologe David Graeber nennt – Arbeiten, die langweilig, schmutzig und gefährlich sind. Diese und viele normale Jobs dienen Menschen vor allem zum Broterwerb. Immer häufiger brauchen Geringqualifizierte zwei oder drei Jobs, um über die Runden zu kommen. Beim Thema Arbeit geht es um Würde und Gerechtigkeit.

Das gilt umso mehr, da der Einsatz von Robotern und intelligenten Computerprogrammen unsere Arbeitswelt und Gesellschaft in den kommenden Jahren grundlegend verändern wird. Die Diskussion um den aktuellen Fachkräftemangel und niedrige Arbeitslosenzahlen lassen uns leicht die langfristigen Entwicklungen übersehen. Vor einiger Zeit machte eine Nachricht aus Japan die Runde. Ein Versicherungsunternehmen ersetzte rund 30 Prozent der Mitarbeiter in der Zahlungsabteilung durch ein intelligentes Computersystem.

Neue Technologien

Die Digitalisierung schreitet schneller voran als jede andere industrielle Revolution zuvor. Sie betrifft vor allem automatisierbare Tätigkeiten in der Fertigung und von Sachbearbeiterinnen. Es stellen sich die Fragen: Welche Arbeit wird in Zukunft von Menschen getan? Wird es noch für alle Arbeit geben, um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können? Wie wollen wir als Gesellschaft damit umgehen, falls nicht mehr alle Menschen einer Erwerbsarbeit nachgehen können?

Wir müssen kreativ werden. Das heißt, unsere gottgegebenen schöpferischen Kräfte nicht allein auf die Entwicklung neuer Technologien richten, sondern im gleichen Maß danach fragen, was unseren Mitmenschen und unserer Gesellschaft dient. Gott gab den Menschen nach der Schöpfungsgeschichte den Auftrag, die anvertraute Welt zu bewahren und zu bebauen. Dazu gab er uns Menschen auch seinen Segen. Das erinnert uns daran, dass wir in der Lage sind, die Welt in seinem und unserem Sinne zu gestalten.

Pfarrer Sebastian Carp, Dekanat Mannheim