Mannheim

Interview Dominika Wruk vom Institut für Mittelstandsforschung über Vor- und Nachteile von Modellen zur Gemeinschaftsnutzung

„Dinge zu teilen, macht sie günstiger“

Archivartikel

Wohnungen, Fährräder oder Gärten – bei der sogenannten Sharing Economy kann jeder sein Hab und Gut oder das einer Organisation mit anderen teilen oder tauschen. Auch die Mannheimer teilen gerne. Am Institut für Mittelstandforschung erforscht Dominika Wruk, wie sich solche Modelle auswirken. Warum dabei das Verhalten der Nutzer die Wirkung beeinflusst, erklärt Wruk im Interview.

Frau Wruk, was verstehen Sie unter Sharing Economy?

Dominika Wruk: Dafür gibt es keine einheitliche Definition. Nach unserem Verständnis zählen dazu Modelle, die auf Praktiken des Teilens, Tauschens, Vermietens oder gemeinsamen Nutzens von Gegenständen, Räumen oder Flächen beruhen oder die Vermittlung von Dienstleistungen ermöglichen. Dazu gehören Online-Modelle, wie die bekannte Übernachtungsplattform Airbnb, aber auch Offline-Modelle wie Gemeinschaftsgärten oder Second-Hand Läden. Darunter fallen auch Modelle, bei denen die Organisationen selbst die Produkte oder Leistungen anbieten wie im Falle von Stadtmobil, aber auch bei denen Privatpersonen oder Selbstständige die eigentlichen Leistungsanbieter sind.

Welche Modelle werden in Mannheim genutzt?

Wruk: Zum Beispiel Modelle, die das kurzzeitige Mieten von Autos oder Fahrrädern ermöglichen. Wie etwa das Car-Sharing-Angebot von Stadtmobil oder das Bike-Sharing-Angebot von VRN-Nextbike. Auch Nachbarschaftsplattformen wie nebenan.de sind in Mannheim aktiv, auf denen Nachbarn sich Werkzeuge oder Haushaltsgeräte gegenseitig ausleihen oder vermieten oder gemeinsame Aktivitäten planen können. Dadurch entsteht eine Form von Nachbarschaftshilfe. Jenseits des Internets gibt es Gemeinschaftsgärten, wie auf dem Lindenhof und die Neckargärten. Oder Food-Sharing-Initiativen, bei denen engagierte Freiwillige nicht verkaufte Lebensmittel von Bäckereien und Supermärkten abholen und sie weiter verteilen. Mit dem Dock3 und der Ponderosa sind hier auch Coworking-Spaces vertreten, in denen Selbstständige Büroflächen im Jungbusch gemeinsam nutzen.

Haben diese neuen Formen des Teilens auch Schattenseiten?

Wruk: Das können sie haben. Die Sharing Economy birgt Potenziale, zu Nachhaltigkeitszielen beizutragen. Ob aber diese Potenziale sich entfalten können, wird von mehreren Faktoren beeinflusst. Zum einen hängt das von den Sharing Organisationen selbst ab. Also welche Regeln sie sich und für die Nutzung ihrer Angebote aufstellen. Die Höhe der Transaktionsgebühren etwa oder ob und wie sich Leistungsanbieter auf Plattformen austauschen und organisieren können. Zum anderen von den Teilnehmern, wie sie die Angebote nutzen. Man kann solche Angebote auch nur zum eigenen Vorteil nutzen und den eigenen Rasenmäher online kostenpflichtig vermieten, anstatt ihn kostenlos dem Nachbarn auszuleihen, wie man es früher gemacht hat. Auch das Car-Sharing kann nachteilig sein: Wenn man vorher nur mit der Bahn gefahren ist und dadurch aufs Auto umsteigt, dann ist das ökologisch nicht vorteilhaft.

Es gibt auch Vorteile – manche kaufen sich deshalb kein Auto.

Wruk: Genau. Wenn das eigene Auto oder zumindest der Zweitwagen ersetzt wird, ist das gut für die Umwelt – und den eigenen Geldbeutel. Dinge mit anderen zu teilen, macht sie nicht nur günstiger. Ein Gemeinschaftsgarten kann sich positiv auf die Nachbarschaft auswirken: Nachbarn, die sich vorher nicht kannten, haben damit einen neuen Treffpunkt. Über Plattformen wie nebenan.de bekommt man mit, was gerade in der Nachbarschaft passiert. lia

Das Interview wurde telefonisch geführt und der Gesprächspartnerin vor Abdruck zur Autorisierung vorgelegt.

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